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Stade Zeit

Die Zeit scheint eingefroren zu sein. Die wenigen Stunden Tageslicht stecken in grauer Watte fest. Ansonsten bleibt nur Dunkelheit. Wer sein Heim jetzt verlässt, wird einen guten Grund haben.
An diesem Weihnachtsfest schmerzt besonders, dass der Platz meines Vaters leer bleibt.
Bisher hat er immer die Gans tranchiert. Wenn ich den Rotwein ausschenke, wird ein Glas weniger gefüllt. Beim Rommé Spielen lässt er nun nicht mehr meine Nichte großzügig gewinnen. Meine Familie sitzt zusammen, und der Kreis will sich nicht schließen.
Mein Elternhaus wird nicht mehr dasselbe sein. Wo er war, sind nun Erinnerungen.

Trost spendet allein, dass auch die Trauerzeit einmal enden wird.

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Vom Fensterln

Klein, aber fein. Das Sinclair-Haus in Bad Homburg. Frisch renoviert. Strahlend weiße Räume. Modernste Klimatechnik. Und innen?
Ein Blick durchs Fenster reicht nicht aus, um die sehenswerte Ausstellung „Aussicht – Einsicht. Blick durchs Fenster.“ zu erblicken. Man muss schon rein, und für Sparbrötchen wie mich ist der Eintritt mittwochs frei. Mein Blog zeigt bisweilen mein Faible für Fenster in Sakralbauten. Umso mehr freute ich mich auf den Abend in Bad Homburg.
Die Rhein-Main-Kubisten hatten die Idee, gemeinsam reinzuschnuppern. Kristine Preuß, Kunstvermittlerin am Sinclair-Haus, führt uns durch die beiden Etagen. Bisweilen bin ich skeptisch, was Führungen angeht; oft, weil er oder sie sich nicht den Zuhörern anpassen kann.
Aber an diesem Abend bin ich wirklich angetan von einer sehr kompetentenIMG_1741 Unterweisung. Kristine Preuß erzählt spannend von der Entstehung einzelner Fotografien und Videoinstallationen. Da sie mit den Künstlerinnen oder Künstlern in Kontakt steht, erfahren wir das eine oder andere Detail aus deren Leben. Unaufdringlich weist uns Kristine Preuß auf Irritationen und Brüche in den ausgestellten Werken hin. So entstehen kleine Rätsel, die wir nur bereitwillig lösen wollen – wir sind ja keine Dummis!
Auf den ersten Blick wirken die Montagen der finnischen Künstlerin Aino Kannisto wie Schnappschüsse. Durch Kristine Preuß erfahren wir, dass sich die Künstlerin selbst im Ablauf einiger Jahre inszeniert hat. Die Glätte eines Fotos wird von ihr durch Nachbearbeitungen in verschwommene Konturen überführt. Unsere Logik verzweifelt an Spiegelungen, deren Ursprung wir nicht erraten können.

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Karin Kneffel

Die Lust am Voyeuristischen ist unschwer in den Fotoarbeiten von Karin Kneffel zu erkennen. Der heimliche Blick in ein beleuchtetes Wohnzimmer der Nachbarn – hier dürfen wir gucken, solange wir wollen. Das Fenster ist beschlagen? Kneffel wischt mit großen Kreuzen über einen unscharfen Fensterausblick. Erst beim zweiten Hinsehen erkennen wir, dass es eine Gemälde ist. Nur zu verständlich, dass Kinder an einer solchen Ausstellung der kleinen optischen Betrügereien ihren Spaß haben. Wir Erwachsenen aber ebenso…
Annette Schröters großformatige Scherenschnitte sind … nicht nur eine Fleißarbeit. Herausforderungen an die Geduld eine*r Künstler*in sind Großformate in jeder Technik. Schröters Papierarbeiten reduzieren die Aus- und Anblicke auf Schwarzweißkontraste. Dennoch wirken sie unheimlich authentisch, fast lebendig.
In Melanie Wioras Auge spiegelt sich die Welt; mit einer Kamera aufgenommen, wird daraus ein Fensterblick besonderer Art.
Für mich ist die Videoinstallation The Picture von Julia Wilms der Höhepunkt der Ausstellung. Die Künstlerin spielt mit Caspar David Friedrichs Frau am Fenster, eröffnet Räume hinter und vor dem Gemälde an einer Wand, hinter einer Wand, an einer Wand im Sinclair-Haus mit der zur Installation passenden Tapete. (Hier ein Link zum Video: https://willmsworks.net/de/videoinstallation/the-picture-2  )

Für weitere Infos:
https://www.museumsinclairhaus.de

 

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Das perfekte Bild

Gleich neben dem Empfangstresen des Städels, wenn man nicht auf die weiten Treppen zugeht, die nach oben oder unten führen, öffnet sich linker Hand ein abgedunkelter Präsentationsraum mit überschaubarer Ausdehnung. Die Decke niedrig, Stellwände zur Abtrennung und zur Gliederung der Ausstellung.
An den Wänden: Frauenporträts, Fotos und Studien aus der Zwischenkriegszeit.
Und dann, … ohne dass ich darauf vorbereitet gewesen wäre, … Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam
Ich bleibe stehen, zögere, gehe näher, wieder zurück, und kann es nicht fassen.

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Z

Liegt es an der übergroßen Dimension, die mein Sichtfeld einnimmt? Oder an der Leichtigkeit, die die luftige Balkonszenerie vermittelt? An der Symmetrie der Personen, der endlosen Offenheit des Hintergrundes? Am klassischen Sujet des Abendmahls? Den liebevollen Details wie der Hand der links stehenden Frau, die sich in das Balkongeländer schmiegt, so dass ich unwillkürlich Farbe, Rost und Metallkälte in meiner Hand spüre? An ihr fällt mir der Bob-Kurzhaarschnitt der 20er Jahre auf. Ihr Pendant rechts trägt längere Haare, aber nur locker zusammengesteckt. Sie schenkt Kakao aus einem Tonkrug ein. Beide drehen dem*der Betrachter*in den Rücken zu. Laserstein nimmt ihnen so die weiblichen Reize: kein Busen, keine langen Beine, keine roten Lippen – stattdessen moderne bequeme Kleider, die Beine und Arme freilassen, und moderne Frisuren. Eben Frauen des neuen Jahrhunderts. Wie Atlas-Säulenfiguren tragen sie die Szene und rahmen ein Trio von zwei Männern und einer jungen Frau im Zentrum ein. Laserstein malt Frauen, die sich den Männerblicken entziehen und so nicht zum Objekt werden können.
Als zweite Figur von links fläzt sich ein Mann mit verträumtem Blick über Stuhl und Tisch, den Blick in die Ferne gerichtet. Sein Pendant sitzt als zweiter von rechts in geduckter Haltung und fixiert wie ein Raubtier … eine der drei Personen zur Linken. Wen, das bleibt unklar. Mit dem Romantiker links und ihm als Jäger bildet Laserstein hier zwei Archetypen von Männern ab. Vielleicht diejenigen, die sie am interessantesten fand?
Im Zentrum sitzt, dem*der Betrachter*in zugewandt, eine blonde, junge Frau, die sich mit beiden Armen auf der Tischplatte abstützt und so die Szene dominiert. Ihr Blick geht ins Leere oder auf uns zu, je nach Sichtweise. Ist sie die Geliebte des Romantikers und weckt damit die Eifersucht des Jägers? Die Überzahl von Frauen lässt auch andere Schlüsse zu: Während sich die Frauen weiterentwickelt haben und in der Moderne angekommen sind, sogar zum Zentrum des Abendmahls werden, verharren die Männer auf ihrer Evolutionsstufe als Jäger und Träumer. Subtile Kritik am Patriarchat? Laserstein wäre es zuzutrauen…
In ihren Gemälden entdecke ich viel von dem, was bis heute die Bilder von Gerhard Richter oder Neo Rauch ausmacht. Was wäre von dieser Künstlerin zu erwarten gewesen, wenn sie nicht wie so viele andere in die Emigration getrieben worden wäre? Wenn sie sich hätte künstlerisch weiterentwickeln können? Die Kraft, die in „Abend über Potsdam“ steckt, lässt das nur erahnen. Auch das macht die Faszination des Bildes aus. Was ich hier nur ansatzweise vermitteln möchte: „Abend über Potsdam“ ist (für mich) das perfekte Bild.

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Victor Vasarely, Zsinor (1974)

Nicht unterschlagen möchte ich hier die Vasarely-Ausstellung. Obwohl Mitbegründer der Op Art ist der Maler eher weniger bekannt als seine Gemälde. Mit dem Einzug seiner Werke in den Kunstunterricht dürfte wohl jede*r schon einmal mit seinen optischen Illusionen bekannt geworden sein. Hier in der Ausstellung führen pädagogisch motivierte Eltern ihren Nachwuchs herum und erklären ihm, was er sehen soll oder sollte. Ich lasse meinem Sehen freien Lauf und genieße das Spiel mit Täuschung und Irreführung, dem Entstehen neuer Bildebenen und dem Auftauchen von grauen Punkten.

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Victor Vasarely, Biadan (1959)

Wer mich kennt, kann sich denken, dass ein so erfolgreicher Besuch im Städel seinen Abschluss in Sachsenhausen findet, dieses Mal im Gemalten Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über Räume

Mit meinen Schüler*innen wollte ich eigentlich Gemälde der Romantik ansehen. Doch das Städel hatte nur eine kleine Auswahl übrig gelassen – vielleicht ausgeliehen? Die übrigen Gemälde im überschaubaren Nebenraum reichten aber, um einen anschau-lichen Einblick in diese Epoche zu gewinnen.
Und was nun? Mit etwas Magengrummeln führte ich meinen Kurs die sensationelle Treppe abwärts in die moderne Kunst. Ich stellte mich auf Kommentare ein wie „Das hätte ich auch gekonnt“ oder „Was soll das denn sein?“
Doch   –     nichts dergleichen.
Stattdessen flatterten sie wie die Küken in alle Richtungen. Smartphones raus und klick, das erste Selfie. Die Mitschülerin vor Gerhard Richter – Klick. Hatte ich erwartet, dass sie durch die Kunst des 20. Jahrhunderts irritiert sein würden – keine Spur davon. Im Jahr 2018 ist die moderne Kunst im Bildverständnis der Heranwachsenden angekommen. Die heutigen Sehgewohnheiten haben längst die Bildsprache der Moderne adaptiert. Statt Irritation zu erfahren, erobern meine Schützlinge den gestalteten Raum des Städels. Das Smartphone wird zum Instrument der Entdeckung: Was gefällt, wird eingefangen. Das Drumherum dient als Kulisse. Der eigene Standpunkt zum Kunstwerk ergibt sich aus der Originalität des Porträts.
Eine ähnliche Erfahrung hatte ich einige Wochen zuvor mit einer 10. Klasse in München. An einem Sommerabend fuhren wir zum Olympiapark. Der Sonnenuntergang lockte uns auf den Olympiaturm. Die großartige Kulisse brachte die Jugendlichen zum Staunen, der Sonnenuntergang weckte die schönsten Emotionen. Die Schüler*innen schwenkten schnell von der passiven Bewunderung zum aktiven Einfangen der Szenerie. Smartphones raus und Sonnenuntergang rein. Dazwischen das Ich oder die Mitschü-lerin. Zusammen mit den Kumpels vor münchener Kulisse oder im Sprung vor boden-loser Endlosigkeit. Wir Erwachsene gehen davon aus, dass Räume Erlebnisräume sind. Die neue Generation macht hingegen diese Welt wie selbstverständlich zu einer Bühne ihrer Selbstinszenierung.

Zur Erklärung des Beitrages: Der Begriff „Raum“ ist ein zentraler in der Kulturellen Bildung. Das Beitragsbild hat nicht allzu viel mit dem Text zu tun, zeigt aber Onkel Bo in einem „kulturellen Erlebnisraum“ inmitten einer „Kulturlandschaft“ (Rüdesheim, Niederwalddenkmal).

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Hessen – nein, Rheinhessen

Mein Mann ist noch im Feld.“, entschuldigt Annette Krebs ihren Ehemann, nachdem sie uns begrüßt hat. Für meine Leser*innen aus der Kulturellen Bildung muss das wie ein kleiner Insider Joke wirken, (denn der Begriff „Feld“ ist ein Lieblingswort der IMG_1606Forscher*innen in der Kulturellen Bildung). Unsere Gastgeberin verweist jedoch ohne Absicht darauf, dass der heutige Tag sehr viel mit Kultur zu tun hat. Überflüssig wäre hier eine Begründung, warum Essen und Trinken etwas mit den kulturellen Leistungen einer Gesellschaft zu tun hat; wenn nicht sogar eine dafür grundlegende Kraft ausmacht.
Wer wie ich im Nordhessen der 60er Jahre aufgewachsen ist, kennt Wein als 2 Liter Flaschen „Bauernglück“ mit Spuren italienischen Weins. Oder die „Kellergeister“. „Liebfrauenmilch“.
In meiner Jugend kamen geschmackliche Verirrungen wie „Asti Spumante“ und „Vin de Pays“ hinzu. Während des Studiums war ich den Belehrungen deutscher Winzer ausgesetzt, die mit der ganzen Kraft ihrer Erdverbundenheit behaupteten, dass ein Wein nicht trocken genug sein könne, und meinem Magen mit „Elbling“ und furztrockenem „Riesling“ heftig zusetzten.
Erst als ich das Elsass kennenlernte, „Gewürztraminer“ und „Edelzwicker“ sowie trinkbaren „Riesling“ entdeckte, öffnete sich für mich die Welt des Weines.

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Annette Krebs

Doch erst in diesem Jahrhundert, begünstigt durch den Klimawandel, begann ich auch deutsche Weine zu schätzen. Winzer*innen wie Hubertus und Annette Krebs vom Weingut Krebs-Grode haben dafür den Weg bereitet. Das Ehepaar hat den alteingesessenen Betrieb mit neuen Rebsorten, Experimentierfreude und dem nötigen Weinverstand zu einer der ersten Adressen deutscher Weißweine verwandelt. Der „Chardonnay“ aus der Spitzenlage Gau-Odernheim schmeckt zum Dahinschmelzen – der „Sauvignon-Blanc“ überrascht mit gelben und grünen Fruchtnoten.
Die „Quarterra Cuvées“ brauchen keinen Vergleich mit den Gewächsen unserer westlichen Nachbarn zu scheuen, sowohl die weißen als auch die roten.
Die Trauben können wir in einem kleinen Wingert schmecken. Rebstrauch für Rebstrauch pflücken und probieren wir uns durch die verschiedenen Sorten.IMG_1614
Während der Führung erleben wir, wie eilig Spätburgunder-Trauben eingefahren werden, denn der Wetterbericht hat ein Unwetter angekündigt, das den empfindlichen Reben großen Schaden zufügen könnte. „Krebs-Grode“ setzt auf schonende Gärverfahren, bei denen die Trauben unter Kühlung langsam ihre Aromen an den Wein abgeben können. Die Spitzenweine werden im Barrique (Eichenfass) ausgebaut. Der Rundgang präsentiert einen modernen Betrieb, der dennoch an einigen alten Traditionen festhält. Auch in Zukunft erhalten die Stammkunden ihren halbtrockenen „Dornfelder“ oder eine „Bacchus“-Spätlese.
Aber dem Ehepaar Krebs ist es gelungen, die Winzerei ins neue Jahrhundert hinüberzuführen. Mit dem Ausbau des gastronomischen Angebots orientieren sie sich an südafrikanischen und australischen Vorbildern, die die klassische Weinprobe zu einem Event mit Weinverkostung, Speisen und Übernachtung werden lässt.

Im Internet gibt’s mehr Infos:
https://krebs-grode.de