Veröffentlicht in Allgemein

Das perfekte Bild

Gleich neben dem Empfangstresen des Städels, wenn man nicht auf die weiten Treppen zugeht, die nach oben oder unten führen, öffnet sich linker Hand ein abgedunkelter Präsentationsraum mit überschaubarer Ausdehnung. Die Decke niedrig, Stellwände zur Abtrennung und zur Gliederung der Ausstellung.
An den Wänden: Frauenporträts, Fotos und Studien aus der Zwischenkriegszeit.
Und dann, … ohne dass ich darauf vorbereitet gewesen wäre, … Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam
Ich bleibe stehen, zögere, gehe näher, wieder zurück, und kann es nicht fassen.

IMG_1716
Z

Liegt es an der übergroßen Dimension, die mein Sichtfeld einnimmt? Oder an der Leichtigkeit, die die luftige Balkonszenerie vermittelt? An der Symmetrie der Personen, der endlosen Offenheit des Hintergrundes? Am klassischen Sujet des Abendmahls? Den liebevollen Details wie der Hand der links stehenden Frau, die sich in das Balkongeländer schmiegt, so dass ich unwillkürlich Farbe, Rost und Metallkälte in meiner Hand spüre? An ihr fällt mir der Bob-Kurzhaarschnitt der 20er Jahre auf. Ihr Pendant rechts trägt längere Haare, aber nur locker zusammengesteckt. Sie schenkt Kakao aus einem Tonkrug ein. Beide drehen dem*der Betrachter*in den Rücken zu. Laserstein nimmt ihnen so die weiblichen Reize: kein Busen, keine langen Beine, keine roten Lippen – stattdessen moderne bequeme Kleider, die Beine und Arme freilassen, und moderne Frisuren. Eben Frauen des neuen Jahrhunderts. Wie Atlas-Säulenfiguren tragen sie die Szene und rahmen ein Trio von zwei Männern und einer jungen Frau im Zentrum ein. Laserstein malt Frauen, die sich den Männerblicken entziehen und so nicht zum Objekt werden können.
Als zweite Figur von links fläzt sich ein Mann mit verträumtem Blick über Stuhl und Tisch, den Blick in die Ferne gerichtet. Sein Pendant sitzt als zweiter von rechts in geduckter Haltung und fixiert wie ein Raubtier … eine der drei Personen zur Linken. Wen, das bleibt unklar. Mit dem Romantiker links und ihm als Jäger bildet Laserstein hier zwei Archetypen von Männern ab. Vielleicht diejenigen, die sie am interessantesten fand?
Im Zentrum sitzt, dem*der Betrachter*in zugewandt, eine blonde, junge Frau, die sich mit beiden Armen auf der Tischplatte abstützt und so die Szene dominiert. Ihr Blick geht ins Leere oder auf uns zu, je nach Sichtweise. Ist sie die Geliebte des Romantikers und weckt damit die Eifersucht des Jägers? Die Überzahl von Frauen lässt auch andere Schlüsse zu: Während sich die Frauen weiterentwickelt haben und in der Moderne angekommen sind, sogar zum Zentrum des Abendmahls werden, verharren die Männer auf ihrer Evolutionsstufe als Jäger und Träumer. Subtile Kritik am Patriarchat? Laserstein wäre es zuzutrauen…
In ihren Gemälden entdecke ich viel von dem, was bis heute die Bilder von Gerhard Richter oder Neo Rauch ausmacht. Was wäre von dieser Künstlerin zu erwarten gewesen, wenn sie nicht wie so viele andere in die Emigration getrieben worden wäre? Wenn sie sich hätte künstlerisch weiterentwickeln können? Die Kraft, die in „Abend über Potsdam“ steckt, lässt das nur erahnen. Auch das macht die Faszination des Bildes aus. Was ich hier nur ansatzweise vermitteln möchte: „Abend über Potsdam“ ist (für mich) das perfekte Bild.

IMG_1712
Victor Vasarely, Zsinor (1974)

Nicht unterschlagen möchte ich hier die Vasarely-Ausstellung. Obwohl Mitbegründer der Op Art ist der Maler eher weniger bekannt als seine Gemälde. Mit dem Einzug seiner Werke in den Kunstunterricht dürfte wohl jede*r schon einmal mit seinen optischen Illusionen bekannt geworden sein. Hier in der Ausstellung führen pädagogisch motivierte Eltern ihren Nachwuchs herum und erklären ihm, was er sehen soll oder sollte. Ich lasse meinem Sehen freien Lauf und genieße das Spiel mit Täuschung und Irreführung, dem Entstehen neuer Bildebenen und dem Auftauchen von grauen Punkten.

IMG_1710
Victor Vasarely, Biadan (1959)

Wer mich kennt, kann sich denken, dass ein so erfolgreicher Besuch im Städel seinen Abschluss in Sachsenhausen findet, dieses Mal im Gemalten Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Ein Kommentar zu „Das perfekte Bild

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s