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Über Räume

Mit meinen Schüler*innen wollte ich eigentlich Gemälde der Romantik ansehen. Doch das Städel hatte nur eine kleine Auswahl übrig gelassen – vielleicht ausgeliehen? Die übrigen Gemälde im überschaubaren Nebenraum reichten aber, um einen anschau-lichen Einblick in diese Epoche zu gewinnen.
Und was nun? Mit etwas Magengrummeln führte ich meinen Kurs die sensationelle Treppe abwärts in die moderne Kunst. Ich stellte mich auf Kommentare ein wie „Das hätte ich auch gekonnt“ oder „Was soll das denn sein?“
Doch   –     nichts dergleichen.
Stattdessen flatterten sie wie die Küken in alle Richtungen. Smartphones raus und klick, das erste Selfie. Die Mitschülerin vor Gerhard Richter – Klick. Hatte ich erwartet, dass sie durch die Kunst des 20. Jahrhunderts irritiert sein würden – keine Spur davon. Im Jahr 2018 ist die moderne Kunst im Bildverständnis der Heranwachsenden angekommen. Die heutigen Sehgewohnheiten haben längst die Bildsprache der Moderne adaptiert. Statt Irritation zu erfahren, erobern meine Schützlinge den gestalteten Raum des Städels. Das Smartphone wird zum Instrument der Entdeckung: Was gefällt, wird eingefangen. Das Drumherum dient als Kulisse. Der eigene Standpunkt zum Kunstwerk ergibt sich aus der Originalität des Porträts.
Eine ähnliche Erfahrung hatte ich einige Wochen zuvor mit einer 10. Klasse in München. An einem Sommerabend fuhren wir zum Olympiapark. Der Sonnenuntergang lockte uns auf den Olympiaturm. Die großartige Kulisse brachte die Jugendlichen zum Staunen, der Sonnenuntergang weckte die schönsten Emotionen. Die Schüler*innen schwenkten schnell von der passiven Bewunderung zum aktiven Einfangen der Szenerie. Smartphones raus und Sonnenuntergang rein. Dazwischen das Ich oder die Mitschü-lerin. Zusammen mit den Kumpels vor münchener Kulisse oder im Sprung vor boden-loser Endlosigkeit. Wir Erwachsene gehen davon aus, dass Räume Erlebnisräume sind. Die neue Generation macht hingegen diese Welt wie selbstverständlich zu einer Bühne ihrer Selbstinszenierung.

Zur Erklärung des Beitrages: Der Begriff „Raum“ ist ein zentraler in der Kulturellen Bildung. Das Beitragsbild hat nicht allzu viel mit dem Text zu tun, zeigt aber Onkel Bo in einem „kulturellen Erlebnisraum“ inmitten einer „Kulturlandschaft“ (Rüdesheim, Niederwalddenkmal).

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