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Gott der Barbaren – Stephan Thome in der Romanfabrik

Dort auf der Bühne sitzt er: jungenhafte Austrahlung, kragenloses Hemd, Jeans, leicht ergrautes Haar. Mit seiner Lederumhängetasche wirkt er wie ein Studienrat aus den 90er Jahren. Die hohe Denkerstirn allein verrät den Schriftsteller. Dr. Michael Hohmann, bewährter Gastgeber und Conférencier der Lesungen in der Frankfurter Romanfabrik, macht es spannend. „Einen Quantensprung“ habe der Autor des Grenzgangs von 2009 mit seinem neuen Roman hingelegt. Ob der versierte Literaturkenner damit auf Alfred Döblins Die drei Sprünge des Wang-lun (1915) verweisen und Thome damit einen literarischen Adelsschlag verabreichen will?IMG_1598
Den Zuhörern wird es an diesem Spätsommerabend nicht leicht gemacht. Die Verstärkeranlage erzeugt einen Gemengelage von Brummtönen, die Luft im Raum steht stickig, der Autor liest eher monoton. Die historischen Erklärungen ziehen sich dahin. Der Geist wird träge…
Fast traumhaft entführt uns Stephan Thome in das China des 19. Jahrhunderts. In eine Welt subtropischen Klimas und monströser Grausamkeiten eines religiös motivierten Bürgerkrieges: des Taiping-Aufstandes (1851-1864). Aus der Sicht eines brandenburgischen Missionars landen wir in einem noch entstehenden Hongkong. An Bord eines britischen Dampfschiffes nehmen wir Teil an den rassistischen und imperialistischen Gedanken eines britischen Adligen.
Und dann sind da noch zwei chinesische Vettern als Revolutionäre, die doch sehr an Fidel Castro und Ernesto „Che“ Guevara erinnern. Oder ist dieser Eindruck vom Autor gewollt?
Der Roman ist wie so viele historische Romane eine Parabel auf unsere Gegenwart: Fremdheit, Religion, das Zusammenprallen von verschiedenen Kulturen – und die üblichen Reaktionsschemata: Ignoranz, Rassismus und tödliche Gewalt.
Unschwer lassen sich die Romanfiguren in unsere Zeit transportieren.
Aber der Roman würde nicht so faszinieren, wenn es allein ein pädagogisches Lehrstück wäre. Thome ist ein Kenner der chinesischen Kultur. So stimmen die Details in seiner Erzählung: die Menschen, ihre Ansichten und ihr Zusammenleben, ihr Alltag und ihre Gebräuche, die Städte und Landschaften.
Auch Michael Hohmann konnte den Roman nicht beiseite legen, vergleicht ihn mit den Karl May Bänden, die er als Junge unter der Bettdecke las. Thome ist sein „großer China-Roman“ gelungen, ein Projekt, das ihn seit 2012 in Beschlag genommen hatte.

Stephan Thome, Gott der Barbaren. Suhrkamp: Frankfurt/M., 2018. 25 €.

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