Veröffentlicht in Allgemein

Amsterdam revisited…

Amsterdam wird heute mal kräftig abgespült. Schön! All die bekifften, verkaterten oder schon wieder betrunkenen Heranwachsenden der heutigen Jeunesse dorée bleiben in ihren Hotelzimmern. Die regennassen Straßen gehören den Ordnungskräften, den Saubermachern … und den Frühaufstehern wie mir.

IMG_1545
Joseph Klibansky

Wie jede interessante europäische Großstadt leidet Amsterdam unter einer Touristenschwemme. An Feiertagen wie Ostern oder Fronleichnam ist es unerträglich; jetzt zu Sommeranfang und bei schlechtem Wetter erkenne ich „mein Amsterdam“ wieder. Zumindest bis zum Mittag…
Bis dahin schlendere ich an den vielen kleinen Geschäften (hier Winkel genannt) vorbei.
Während zum Beispiel in ganz Mailand kein einziger Kinderspielplatz zu finden ist, wird hier eine komplette (Neben-) Straße für Kinder abgesperrt, als Raum zum Spielen und Herumtoben. Und das mitten im teuren Spiegelquartier.

 

Foto(29)
Studio Drift

Meine Schritte führen mich zum Van Gogh Museum. Ein eigenes Gebäude für einen Maler? Der Hype um den Impressionisten hat es möglich und nötig gemacht. Mit 18 € ist man/frau dabei. Das Ticket sollte er/sie am besten vorher im Internet buchen.
Auf drei Ebenen didaktisierter und konsumentengerechter Ausstellung schiebt sich die Besucherschlange von Bild zu Bild. Der Audioguide weist auf Stil und Farbgebung hin, die asiatischen Besucher*innen schätzen die Einflüsse der japanischen Kunst und kunsthistorisch Interessierte bekommen auch den entsprechenden Kommentar. Zufrieden kann der/die Bildungsbeflissene wieder die Sammlung verlassen – er/sie weiß jetzt alles über Van Gogh.
Da mich bei Gemälden immer das How-he-done-it interessiert, finde ich die überdimensionalen Detailvergrößerungen sehenswert. So werden Strich und Pinselführung besonders deutlich.
Allzulange halte ich die Menschenmenge nicht aus. Nach einem Croissant & Cappucino Frühstück zieht es mich in den Garten des Rijksmuseums. Dort stehen in diesem Sommer neun Statuen von Eduardo Chillida. Es spricht für sich, dass der junge Mann am

IMG_1536
Eduardo Chillida

Verkaufsstand für Tickets und Bootstouren weder den Garten noch die Chillida-Ausstellung kennt. Aber ich finde den Weg auch so.
Chillidas Skulpturen haben mir in einer Ausstellung in der Schirn (im letzten Jahrhundert) den Blick und das Empfinden für Plastiken und das Dreidimensionale geöffnet. Und auch hier bin ich von der Ausstrahlung seiner Skulpturen eindringlich berührt. Die Körperlichkeit, die Anwesenheit im Raum, erzeugt eine ganz andere Beziehung zu mir als ein flaches Bild.
Der Museumsplein hat sich inzwischen doch gefüllt. Schulklasse an Schulklasse ziehen an mir vorbei. Ich flüchte mich ins Stedelijk Museum, dem Museum für moderne Kunst. Großräumig angelegt verlaufen sich hier die Besucher. Sie brauchen keinen gerade angesagten Künstler aus dem Bildungskanon als Anlaufpunkt.

Foto(28)
Studio Drift

Schulklassen gibt’s hier auch. Eine Gruppe hat es sich auf dem Boden unter Lampenschirmen gemütlich gemacht, die von der Decke wie Blütenknospen herunterhängen, sich öffnen, fallenlassen und wieder schließen. Wenn sie fallen, stoßen die Kinder kleine spitze Schrei aus – hörbares Zeichen ihres Vergnügens. Sie werden als Betrachter Teil einer Installation des Studios Drift. Der Name steht für eine niederländische Künstler*innengruppe, die mit architektonischen Blöcken, Bewegungen im Raum und dem organischen Wachsen als Themen spielen.
Verwundert stehe ich im nächsten Raum, in dem eine 3x1x1 m großer Quader im Raum schwebt. Kann eigentlich nicht sein… Vergebens suche ich unsichtbare Halteschnüre, bis das Sirren innerhalb des Quaders den Trick verrät. Die Künstler*innengruppe arbeitet mit modernster Hightech, wenn sie Bewegungen und Beleuchtungen ihrer Installationen steuern. Sowohl die erwähnten Lampenschirme als auch die im Raum schwebenden Gliederarme der Amplitude.
Die Dauerausstellung ist historisch aufgebaut und bietet einen Querschnitt durchs 20. Jahrhundert. Ein Thonet-Stuhl aus meiner Heimat hat es sogar hierher geschafft.

Foto(27)
Thonet-Stuhl aus Frankenberg

Bauhaus hat hier einen besonderen Stellenwert. (Gruß nach Weimar!)
Ich lasse mich durch die Sammlung treiben und fühle mich irgendwann geistig satt.
Andererseits habe ich Hunger. Nach den schlechten Erfahrungen mit dem koscheren McDonald’s in Jerusalem gebe ich dem amsterdamer Mac eine Chance. Und überraschender Weise schmeckt der Big Mäc fast so wie früher, was wahrscheinlich an den Brötchen liegt. Nur die Burger-Pellets werden Jahr für Jahr flacher und kleiner. Note: 2+
Zeit, den Heimweg anzutreten.
Das passenden Buch für Zug und Bus: Der Kaffeedieb, von Tom Hillenbrand.

 

Advertisements

Ein Kommentar zu „Amsterdam revisited…

  1. Habe mich selten so bei einem Bericht über einen Museumsbesuchs. vergnügt und hatte das Gefühl ich wäre dabei gewesen. Einfach herrlich.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s