Veröffentlicht in Allgemein

Streik, Street-Art und Regen in Strömen

Schoko-Mandel-Kuchen in einem der besten Cafés der Stadt. Mein Herz lacht.
Ein weiterer Kulturtag in Frankfurt. Vielleicht sollte ich einmal meine eingetrampelten Pfade verlassen, aber bei der Qualität der Ausstellungen komme ich kaum an den ersten Adressen vorbei.

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The sentimental machine

Die S-Bahn spuckt mich am Hauptbahnhof aus, einem Ort, den ich wegen seiner Verwahrlosung lieber meide. Heute wird im ÖPNV gestreikt. Und ich werde Frankfurt auf Schusters Rappen durchstreifen. Es regnet dazu in Strömen; wie immer, wenn ein Kampf für die Schwachen und Bedürftigen geführt wird, hat der liebe Gott etwas Besseres zu tun.
Apropos Streik: Vor kurzem hatte ich einen Streit mit einer Frau, die offensichtlich im Pflegebereich tätig ist und sich über die niedrigen Löhne beschwerte. Der Staat müsse da abhelfen. Nun ist mit dem Mauerfall 1989 der Staat abgetreten, der Löhne und Preise regulierte. Bei uns regeln das die Tarifparteien. Die großen Erfolge der ÖTV in den 70er Jahren haben aber die Gewerkschaftsbosse schläfrig gemacht. Statt Streiks zu organisieren, arrangierte man (gibt es eigentlich weibliche Gewerkschafter, die etwas zu sagen haben?) sich mit der Schröder-Regierung und den nachfolgenden GroKos. Statt über die realen Arbeitsbedingungen nachzudenken, klapperte man lieber Armani- oder Boss-Boutiquen ab. Die Belegschaften der Krankenhäuser und Seniorenheime ihrerseits traten aus den Gewerkschaft(en) aus – oder erst gar nicht ein. Bei einer Politik, die seit gefühlten 30 Jahren in allen sozialen, kulturellen und bildenden Bereichen spart, wirkt sich mangelnder Widerstand entsprechend aus.
Nun aber zur Kunst. Erste Station: Schirn.
Hätte ich im New York der 60er und 70er Jahre aufwachsen wollen? In einer Zeit, in der das Heroin die Pest des Mittelalters ablöste, und der Vietnamkrieg seine tödlichen Klauen nach den jungen Männern der Stadt ausstreckte? In der Künstlertalente wie Jean-Michel Basquiat allein wegen ihrer Hautfarbe zu Menschen zweiter Klasse degradiert wurden?
Dieses damalige New York (das wir nur zu gut von amerikanischen Kriminalserien wie Einsatz in Manhattan kennen), von der Politik und wahrscheinlich auch seinen Bewohnern aufgegeben, spiegelt sich in den Werken des jungen Street-Art-Künstlers wieder. Kraftvoll. Wild. Unorthodox. Genauso wie Basquiat in seine Werke die Kritik an einer rassistischen Gesellschaft einfließen lässt.
Am spannendsten finde ich ihn, wenn er sich mit europäischer Kunst auseinandersetzt, etwa in der Zusammenarbeit mit Warhol oder wenn er anatomische Skizzen von da Vinci zitiert.
„I know one day I’ll turn the corner and I won’t be ready for it.“ (J.-M. Basquiat)
Hätte ich ahnen können, was mich heute im Liebighaus erwartet? Bis eben war William Kentridge für mich lediglich ein blasser Gedächtnisschatten eines documenta-Künstlers der vergangenen Jahre. Die Ausstellung im Liebighaus haut mich um. Nicht nur, dass sich Skulpturen und Collagen von ihm zwischen den antiken und mittelalterlichen Plastiken verstecken. Er hat die Sammlung umgeräumt, umgestellt, eine neue Ordnung gegeben. Und immer wieder seine Installationen, scheinbar wahllos platziert, in einer pittoresken Umgebung.
Die Maschinenzeit füllt einen eigens umstellten Bereich. Kentridges Elephant erscheint im Mittelpunkt: ein Skelett einer Art Belüftungsmaschine, die in ihren Bewegungen einem Webstuhl gleicht und damit auf ein archaisches Handwerk der Menschen verweist. Um den Elephanten herum stehen auf Stativen montierte Flüstertüten, die ein Schattenspiel orchestrieren, das an die umliegenden Wände projiziert wird. Humane Schatten, die vorbeihuschen, springen, tanzen, singen, musizieren. Eine Prozession, als Metapher an Fest-, Triumph- oder Trauerumzüge erinnernd und damit den Menschen in seiner ureigenen Art als migrierende Spezies abbildet.

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Singer-Trio

Auch auf dem Singer Trio finden wir die blechernen Flüstertüten wieder. Hier klingen aus ihnen afrikanisch anmutende Song-Lines, wie die der versklavten Plantagenarbeiter des US-amerikanischen Südens, und begleiten die monotonen Bewegungen dreier Singer-Nähmaschinen. Damit erklärt sich die Installation wohl von selbst.
In einem weiteren Raum steht ein übergroßes Bühnenmodell eines barocken Schauspiels. Zwischen den einzelnen Aufzügen wandern mechanischen Figurinen hin und her, gleichzeitig dient der Bühnenraum als Projektionsfläche für eine Videocollage. Das Thema dieser Installation: Der Völkermord an den Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.
Zwei Maschinenmenschenfiguren zerhämmern eine dritte menschliche Figur in ihre Einzelteile und zu einem amorphen Werkstoffklumpen. Selbst das Töten ist letztlich eine Art Handwerk, das, wie das 20. Jahrhundert gezeigt hat, sogar industrialisiert werden kann.
Ein weitere, sich automatische bewegende Figurine trägt ein Umhängeplakat mit der Aufschrift Trauerarbeit und singt aus einer Blechflüstertüte Karl Ludwig Metzlers und Emanuel Schikaneders „In diesen heil’gen Hallen“. In diesem Lied aus Mozarts „Zauberflöte“ wird die Frage gestellt, was einen Mensch zum Menschen mache. „In diesen heil´gen Mauern, wo Mensch den Menschen liebt“. Eine hier sehr passende Provokation und Anklage gegen das deutsche Bürgertum, dessen Adepten in Dresden dieser Tage fröhliche Urständ feiern, ganz als hätte es die Abgründe deutscher Geschichte nicht gegeben, und als wäre das Bürgertum daran gänzlich unbeteiligt gewesen.
Nach so viel Gedankenfutter zieht es mich ins beste Café der Stadt, dem Café im Liebighaus. Und damit ist das Rätsel von oben gelöst.
Am Abend: Galerie Goldstein in Sachsenhausen. Liebe Galeristen, ganz im Vertrauen:

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Kein Fresko

Nicht jede Malerei auf Feinputz ist ein Fresko.
Heute also eine Vernissage mit Keramiken von Anselm Baumann. Vasen mit geschwulsthaften Wucherungen. Reliefplatten. Ich fühle mich an den „Matsch“-Kurs in der 12. Klasse IMG_1310erinnert, vulgo „Töpfern“ bei Frau Eder. Auch damals wurden alle Ergebnisse unserer kreativen Leidenschaft gebrannt.
Gut, dass der Wagner genau gegenüber liegt. Der Tag erfährt mit meinen (ehemaligen) Mitstudentinnen, mit denen ich mich hier treffe, einen schönen Abschluss: Andrea,  Beate, Martina, Birte (und Holger).

 

 

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