Veröffentlicht in Allgemein

Das Geschenk des Peter Beuth

Bis zum 1. Januar 2018 war ich ein Autofahrer. Eher missmutig und der Notwendigkeit des Selbsttransportes gehorchend, kroch ich auf Hessens Straßen im ewigen Stau umher. Seit dem Jahreswechsel ist das anders, dank des Geschenks Peter Beuths.

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St. Stephan in Mainz

Den nichthessischen Nichtbeamt*innen unter meinen Leser*innen zur Erklärung: Für dieses Jahr schenkte uns Landesbediensteten der Hessische Staatsminister des Inneren ein „Landesticket“, also eine Freikarte für den hessischen ÖPNV.
Seitdem fahre ich, wenn es irgendwie geht, Zug, Bus und Straßenbahn.
Seitdem frage ich mich, warum ich mir nicht schon vorher selbst eine RMV-Jahreskarte gekauft habe.
Mit diesem Landesticket fühle ich mich irgendwie befreit. Ich brauche nicht mehr mein Auto (oder nur, um mich zu einem Bahnhof zu bringen, der günstiger als der heimische liegt), muss mich nicht um Tickets kümmern und kann, wo und wann ich will, in Bus und Bahn einsteigen. Mal eben nach Gießen? Kein Problem. Frankfurt? Nie wieder Parkplatzsuche! Fulda? Dauert etwas länger, aber die Fahrt hat etwas Beruhigendes.
Ich fühle mich an Sten Nadolnys „Netzkarte“ erinnert. Schon damals hat mich beim Lesen des ersten Romans des späteren Entdeckers der Langsamkeit die bedingungslose Freifahrkarte fasziniert.
Heute trampe ich nach Mainz. Nicht aber wie die unglückseligen Gestalten in Jack Londons Abenteuer des Schienenstrangs, sondern im Warmen. Ich bin überrascht, dass die S 8 nicht über Wiesbaden, sondern über Fra-Airport und Rüsselsheim-Opelwerke zur Hochburg des Karnevals fährt. So nahe und damit schnell zu erreichen, hätte ich Mainz nicht vermutet.
Mainz – Moguntia
Die rheinland-pfälzische Hauptstadt war bisher ein weißer Fleck meiner inneren IMG_1234Landkarte. Das soll sich heute ändern! Gespannt bin ich auf den Dom. Monument kurfürstlich-erzbischöflicher Macht. Aber die erste und überraschende Station ist die St. Stephans Kirche. Warum? Weil für die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Kirche Marc Chagall die Kirchenfenster gestaltet hat. Um genau zu sein: die westlichen und östlichen Fenster sowie die des Querschiffes. Die „Anschlussfenster“, also die südlichen und nördlichen Fenster des Längsschiffes, hat Charles Marq, ein Mitarbeiter und Freund Chagalls, geschaffen.
Die Grundfarbe aller Fenster – für Kirchen sehr ungewöhnlich – ist blau. Man muss kein Freund Chagalls sein, um überwältigt zu sein, wenn das Sonnenlicht von diesen Fenstern gebrochen den Kirchenraum in ein unwirkliches, überirdisches blaues Licht taucht.

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Der Dom in seiner massiven romanischen Grundstruktur kann da nicht mithalten. Zu wenig Licht lassen die Fensternischen in den klobigen Wänden des Frühmittelalters durch. Während Chagall den sakralen Raum mit Himmelslicht flutet, wirkt der Dom irdisch düster und bedrückend.
Was wäre Mainz ohne Gutenberg. Nein, nicht der Filou, der als Minister die Wehrpflicht abgeschafft hat und die großzügigen Zitate aus der F.A.Z. als Doktorarbeit ausgab. In Main erfand Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, den Buchdruck mit IMG_1251austauschbaren einzelnen Stempelchen aus Blei, die er Lettern nannte. In einen Rahmen gespannt, mit Tinte bestrichen und mit einer Winzerkelterpresse auf Papier gedrückt, konnte er ganze Seiten drucken – zu einer Zeit, als Mönche noch die Bücher in mühseliger Arbeit abschrieben.
1997 wurde Gutenbergs Buchdruck vom US-Magazin Time-Life zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt (wikipedia). Den Zeitraum seit seiner Erfindung (ca. 1450) bis hin zur Verbreitung der digitalen Informationsverarbeitung wird auch „Gutenberg-Universum“ genannt. Diesem verdienstvollen Mitbürger widmet Mainz einen ganzen Museumskomplex.
Wer’s kleiner mag, kann auch im Heimatmuseum Nidda ein Druckerwerkstatt besichtigen.
Was wäre Mainz ohne den rheinhessischen Wein? Zum Abschluss kehre ich ein „Zum Bacchus“, das neben der „Weinstube Lösch“ und dem „Weinhaus Michel“ ein Bermudadreieck für Liebhaber deutscher Weine und rheinischer Gemütlichkeit bildet.

 

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