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„Aus dem Nichts.“ Ein Riss in der Welt. Gedanken zu einem bemerkenswerten Film

Zuerst erzürnte mich der Film! Warum müssen deutsche Filme immer aussehen wie Low Budget Abschlussarbeiten einer Filmhochschule? Wozu die Imitation grobkörnigen analogen Filmmaterials des letzten Jahrhunderts? Warum kann Rainer Klausmann, der Kameramann, die Beleuchter nicht dazu bewegen, ihren Job zu tun? Warum sehe ich so wenig Ästhetik im Film? Warum dreht der Regisseur Fatih Akin nicht einen so schönen Film, wie ihn die Amis mit ihren politisch ambitionierten Streifen immer wieder hinkriegen?
Dann fesselte mich der Film. Mit einer großartigen Diane Kruger. Mit einer intensiven Einsicht in Schock, Verzweiflung und Wut.
Und dann verstand ich Fatih Akin.
Die Antwort heißt: Schiller. Und immer wieder Schiller.
So wie Schiller ein neues Theater erschuf, sucht Akin ein neues Kino.
Die Zerstörung des hergebrachten Films durch eine Ästhetik der Anklage.
Die Vermeidung des Politischen im Film als Möglichkeit des Verstehens dieser Welt.
Die Reduktion auf das Schicksal eines Menschen – hier einer Frau, so stark und verletzlich wie Maria Stuart.
Das Sujet nur scheinbar historisch. So umgeformt, dass der Konflikt des Individuums mit seiner (ungerechten) Welt hervortritt.
Akin liefert keine soziologischen oder politischen Erklärungen für die politisch motivierten Taten des NSU. Er klagt auch nicht die Exekutive oder Judikative der Bundesrepublik ob ihres offensichtlichen Versagens an.
Das Gerichtsverfahren gegen das Terroristenpärchen ist bei Akin von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Ein unfähiger Staatsanwalt, der nur am Rande auftritt. Ein Richterkollegium ohne jegliche Passion. Polizisten und Sachverständige mit teilnahmsloser Objektivität. So erscheint auch der Hofstaat Elisabeths I. in Schillers „Maria Stuart“.

Achtung: Spoiler-Alarm!!!

Die Protagonistin Katja Sekerči ringt um ihre Menschlichkeit, als sie einen Racheakt plant. Wie kann sie ihre Würde behalten, wenn sie selbst zur Mörderin wird? Wie kann sie dagegen ihre Würde behalten, wenn sie den Institutionen vertraut, die offensichtlich nicht in der Lage sind, diese Würde zu verteidigen? Auch Maria Stuart hofft vergebens auf eine Gerichtsverhandlung mit Peers. Die wird ihr verweigert. Das Heft des Handelns will sie aber nicht aus der Hand geben. Deshalb muss sie ein Attentat auf ihre Antagonistin Königin Elisabeth I. planen. Dessen Scheitern ist gleichzeitig ihr Todesurteil. Bei Schiller behält Maria Stuart ihre Würde.
Kurz vor dem Selbstmordattentat Katjas sehen wir ihre „Elisabeth“ – die Terroristin – in einer längeren Einstellung. Kurz danach wird sie von Katjas Bombe mit in den Tod gerissen. Ironischer Weise gebaut nach dem Plan, mit dem das Terroristenpärchen den Ehemann und den Sohn Katjas ermordet hat.
Behält Katja ihre Würde? Akin lässt diese Frage offen. Ähnlich wie die Engländer Schillers Interpretation des Konfliktes der beiden Halbschwestern bis heute ablehnen, wird der Film zur Diskussion um den NSU-Terror wenig beitragen können.
Aber wenn ich als Zuschauer in meinen Gedanken die Protagonistin Katja dazu ermutige, die beiden Terrorist*innen in die Luft zu sprengen, kann ich mich dabei ertappen, wie schnell ich, wenn auch in der Phantasie, die Grundlage der Rechtsstaates beiseite wische. Der Freitod Katjas ist nutzlos. Wie die Morde des Terroristenpärchens. Nichts hat sich geregelt. Unsere Leben gehen weiter. Wie der Tod einer Königin im England der Zeitenwende bleibt der Tod Katjas in ihrer Gesellschaft ohne Relevanz. Deshalb kann der Film hier auch enden. Und dennoch geht danach ein Riss durch die Welt. Wenn wir den nicht erkennen, dann opfern wir unsere Menschlichkeit auf dem Altar einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, zu funktionieren.

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