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Advent, Advent

Was macht Onkel Bo am 1. Advent? Die vergangenen Wochen der Terminflut und 24/7 Days, in denen ich mir vorgekommen bin wie ein Karpfen, der sich irrtümlich an Land geschaukelt hat und nun sein Maul aufreißt, um atembare Luft anzusaugen, hat bei mir kulturellen Hunger erzeugt. Um den zu stillen, fahre ich nach Frankfurt.foto17.jpg
Die angekündigte Blechlawine tröpfelt eher dahin, in einzelnen Fahrzeugen, die die Umlandbewohner in die Metropole transportieren. Ich nehme das erstbeste Parkhaus und mummele mich in Schal, Mütze und Mantel. Nur ein paar Straßen weiter stehe ich in der Junghofstraße vor dem ehemaligen Betonkomplex der Deutschen Bank. In den Büroräumen und dem ehemaligen Hermann Josef Abs Saal findet die B3 statt, die Biennale des bewegten Bildes.
An anderer Stelle habe ich bereits erwähnt, dass ich mich für die Kunst der Videoinstallationen geöffnet habe. Hier soll ich also Video satt bekommen.
foto16.jpgAm Eingang empfängt mich die sensationelle Choreographie des Spaniers Carlos Aires. Zwei Polizisten in voller Montur tanzen zu einer Tangoversion des Eurythmics-Klassikers „Sweet dreams are made of this“. Im Begleittext erfahre ich, dass Tango ursprünglich ein Tanz für zwei Männer gewesen sei. Der Tanz sei durch die kulturelle Durchmischung von Einheimischen und Einwanderern am Río de la Plata entstanden. Von der Kirche verboten und von der High-Society abgelehnt habe er sich in den armen Vororten und Slums in seine heutige Form entwickelt.
In Aires’ Film tanzen auch zwei Männer, allerdings nicht in einer Favela, sondern vor einer barock-überladenen Kulisse im Innenraum des Museo Cerralbo in Madrid. (Hier gibt’s einen Teaser zum Anschauen: https://vimeo.com/142070936 )  Leni Riefenstahl wäre entzückt, wie ästhetisch hier Uniformen und Gewalt inszeniert werden. Ich weiß nicht, welche politische Absicht Aires mit diesem Video verbindet. Aber er beweist eindrucksvoll, dass auch die Ästhetik eine dunkle Seite hat. Dass Uniformen Teil dieser dunklen Ästhetik sind, wusste ich bereits. Mein bevorzugter Herrenausstatter aus Metzingen hatte die Staatlichen Schlächter des braunen Duodezenniums eingekleidet und damit eine bis heute gültige Stilvorlage geschaffen. In den Star Wars hat George Lucas dieser Ästhetik mit den Sturmtruppen und ihrem Herrn und Meister ein Denkmal gesetzt. Was macht diese Ästhetik aus? Eine klare Formensprache. Uniformität und Disziplin in der Gestaltung. Das menschliche Gesicht verschwindet hinter Masken und Visieren. Die deutlich maskulinen Attribute. Gleichheit in der Formation und in der Bewegung. Nietzsche bezeichnete diese Ästhetik als „dionysisch“. Sie steht damit antagonistisch gegen eine humanistisch/individualistisch/demokratisch/freiheitlich orientierte Kunst, die sich durch ihren Anspruch gleichzeitig zu einem politischen Programm erhebt. Damit fehlt der Kunst aber ihre zweite Seite. Und ich halte es für möglich, dass die „dunkle“ Ästhetik, weil sie nicht p.c. ist, besonderen Anreiz gewinnt.
Aires enthebt diese schwarze Ästhetik der historischen Gravitation und lässt seine Protagonisten tanzen. Wenn das Bandoneon dazu wehklagt und eine Frauenstimme dazu „Sweet dreams“ säuselt, dann will Aires die implizite Gewalt der Unformen bestimmt umdeuten (Zumindest liegt das bei den Gewaltexzessen der spanischen Sicherheitskräfte im Umgang mit den katalanischen Sezessionisten nahe). Dennoch bleibt eine unaussprechliche Schönheit in der Eigentlichkeit der Gewalt personifizierenden Uniformierten. Eine Eigentlichkeit, die sich in Hollywood-Blockbustern genauso wiederfindet wie in den Videospielen der Ballergeneration. Ich muss das Video mehrmals schauen, bevor ich mich losreißen kann.
In einem anderen ehemaligen Büro verspricht ein Science-Fiction-Werbefilm die Optimierung des Humankörpers durch ein „Spine“ (Igor Simic): Wer kein Rückgrat habe, könne sich eines implantieren lassen. Lol!
In den Medien wurde schon zuhauf über „The great farce“ von Frederioc Solmi berichtet. Die neuzeitliche Geschichte des amerikanischen Kontinents als knallbunter Jahrmarkt des Grauens. Hier wird sie als kommode Installation an die Wand geworfen, heute Abend werde ich sie an der Wand des Schauspiels in Größe betrachten können. Foto(15)Mein persönliches Lieblingsgemälde „Das Floß der Medusa“ hat Johannes DeYoung zu seiner Animation „Raft“ inspiriert. Und immer wieder Frauen, die meine Neugier anziehen. Zerbrechlich, anmutig, verstörend.
Während ich die Flure durchwandere, bleibe ich besonders bei den Filmen kleben, die auch technisch up to date sind. Ähnlich wie ich den Vinylplatten nicht nachtrauere, weil sie knistern und knacken, trenne ich mich schnell von Videos der vergangenen Jahrzehnte voller Pixel und Rauschen.
Dieses Gebäude soll also abgerissen werden und neuen Türmen weichen. Selbst einen eigenen Kinosaal gibt es /gab es hier. Wie würde ich mich freuen, wenn ich in solcher Eleganz unterrichten dürfte. Wenn Deutschlands Schulen nur etwas von dieser Geräumigkeit und Noblesse hätten. Schon längst habe ich den Traum aufgegeben, dass vom steigenden Reichtum unserer Gesellschaft etwas fürs Bildungswesen abfällt. Die Gebäudekonstrukteure unserer Tage folgen immer noch dem Vorbild preußischer Kasernen und Gefängnisse, wenn sie Schulen bauen. Oder, noch schlimmer, ahmen eine Lego-Ästhetik voller Kuben und Plastik nach.
Hinweg mit diesen dilettantischen Architekten!
Reißt öffentliche Gebäude nach 30 Jahren ab! Seit der Antike hat es keine staatlicher Bauherr geschafft, nicht von Konstrukteuren und Baufirmen übers Ohr gehauen zu werden und Pfusch hingestellt zu bekommen.
Entmachtet die Beamten des Denkmalschutzes – oder lasst ihre Entscheidungen wenigstens demokratische überwachen!
Baut endlich für den Menschen und nicht für Prunk, Mammon und Prestige!
Und vielleicht auch Schulen, in denen sich lernen und lehren lässt…
Warum dieser Zorn?
Vielleicht weil die Zeichen auf Sturm stehen…
Vielleicht weil diesen Sturm ein Schmetterlingsflügelschlag eines unscheinbarer Gnom aus Bayern ausgelöst hat, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Ein Wesen,

Foto(14)
Karl Hubbuch

das im demokratischen Tümpel der 0er und 10er Jahre wegen fehlender Schwere nach oben getrieben wurde und willfährig die Optionen von Lobbyisten ausführt, die die milliardenschwere Landwirtschaftsindustrie und ebenso profitgierige Chemiekonzerne vertreten. Ohne eine eigene Meinung zu haben, sagte er „ja“, wo er besser geschwiegen hätte, und kam sich auch noch großartig vor, wie ein kleiner Junge, der – bisher immer artig und folgsam – einen eigenen Streich ausgeheckt hat. Wir werden aber vielleicht verfolgen müssen, wie er mit einem kleinen Streichholz ein Großfeuer entfacht hat. Wie Klein-Christian die Krümel des übriggebliebenen Vertrauens in die Politiker plattgetreten hat, wie sein „ja“ als letzter Tropfen das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringt. Wie sich Menschen von der Politik anwenden, die das bisherige Rad noch am Laufen gehalten haben, und nun den destruktiven Kräften das Feld räumen. Der Streich von Klein-Christian bleibt von Mutti Angela unbestraft. Wieder einmal zeigt sie, dass sie sich nicht gegen die CSU durchsetzen kann oder will. Wieder einmal beweist sie, dass sie kaum ein vorzeigbares politisches Konzept hat, außer dem der Machterhaltung. Und wieder einmal demonstriert sie – obwohl Naturwissenschaftlerin – Handeln wider besseren Wissens, zugunsten machtpolitischer Interessen, und möglicherweise zum Schaden des Landes und des Volkes, die zu beschützen ihr Amtseid vorgibt. Wenn Klein-Christian seinen Freunden von seinem gelungenen Streich erzählt, werden sie auf das Flammenmeer hinter ihm zeigen, davonrennen und ihn stehenlassen. Und wieder will’s keiner gewesen sein…

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Alice Lex-Nerlinger

Den Mittag genoss ich in der von mir oft besuchten Bar Celona. Bei Milchkaffee und einem Insalada Queso schreibe ich diesen Blog. Am Hugendubel kann ich nicht vorbeigehen, ohne ein wenig zu stöbern. Ich kaufe ein paar Bücher als Weihnachtsgeschenke und lasse mich im Weihnachtsmarktmenschenstrom zur Schirn Kunsthalle treiben. Dort werden in der „Glanz und Elend“ Ausstellung Werke der Neuen Sachlichkeit in ihrem historischen und gesellschaftlichen Bezug präsentiert. Da der Aufschwung der AfD die gedankliche Parallele zu den letzten Jahren der Weimarer Republik nahelegt, werden einige Bilder zu einem Mahnmal für die heutige Politik: Vergesst die da unten nicht!

 

 

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