Veröffentlicht in Allgemein

Montag, 16. Oktober 2017

Yad Vashem
Die nationale Gedenkstätte der jüdischen Kultur.
Der erste Eindruck: die hier übliche Architektur, Stahlbeton beklebt mit grob profiliertem Kalkstein. Im Wartebereich Soldatinnen und Soldaten, so erschreckend jung. Sie könnten meine Schüler*innen sein.
Der Name dieser Gedenkstätte geht auf Jesaja, 56:5 zurück; Yad heißt Denkmal und Vashem Name. Hier soll der Mnemozid, ein Vergessen dessen, was die nationalsozialistische Pest an jüdischem Leben und jüdischer Kultur zerstört hat, verhindert werden. Dazu gehört auch eine geräumige Darstellung der Shoah in Dokumenten, Artefakten, Zeitzeugendokumentationen und, und, und…IMG_1099

In Demut verharre ich
im Saal der Namen
vor denn, die ihr Ich
verloren haben.
(F.B.)
Mir als Geschichtslehrer ist das meiste bekannt, dennoch fühle ich mich von der Fülle des Materials und der Menge der Besucher erdrückt.

Tempus
Was bedeutet Zeit,
in Anbetracht der Zeitlosigkeit des Todes
hier in Yad Varshem?
Die Sandkörner, die,
während ich einen Brief aus dem Ghetto lese,
durch das Uhrenglas rinnen?
Die Minuten, die
die Time Line eines Videofilms anzeigt,
in dem eine Künstlerin das jüdische Leben wiederauferstehen lässt?
Die Stunden, die
der Zeiger sich weiterbewegt,
während wir Nachgeborenen durch die langgestreckte Halle schleichen?
Der Tag, der
diesem Ort des Gedenkens zur Verfügung steht?
Die beiden Wochen
Reisezeit in Israel?
Nach all den Jahren,
in denen mein Denken um die Shoah kreiste,
erzeugt jedes Wort ein Bild,
jedes Bild einen Schrei
und jeder Schrei einen Stich in mein Herz.                                                                                           (F.B.)

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Verlorene jüdische Gemeinden in Hessen, Tal der Gemeinden

Als letzte Nacht die Ladung eines an meinem Hotel vorbeifahrenden Lkw ratterte, erschrak ich, denn es erinnerte mich an Maschinengewehrfeuer. Woanders wäre diese Assoziation absurd. Hier liegt sie für mich – so nahe. Was darauf hindeutet, wie zerbrechlich ich hier das Gemeinwesen wahrnehme und wie gewaltbereit.
Narrative
In diesem Blog habe ich schon mehrfach darauf hingewiesen, dass hier eine gewisse Bereitschaft zu narrativen Expansion besteht. Der jüdische Begleiter unserer Reise, der Führer durch Yad Vashem, die Missionarin bei den Beduinen in der Negev Wüste, um nur drei Beispiele zu nennen, legen über unser Erleben eine Art Text-Tonspur, die keine Unterbrechungen aufweist. Ich könnte es als Geschwätzigkeit abtun, aber das wäre ein Charaktermerkmal und damit eher persönlichkeitsbezogen. Hier scheint es aber auf alle Menschen zuzutreffen. Eine andere Möglichkeit der Erklärung wäre, dass hier jede Gruppe ihre Meinung offen kundtut und über das Narrativ die Deutungshoheit zu gewinnen versucht. Das würde auf einen politischen Kontext zutreffen, aber nicht auf einen alltäglichen. Ich versuche eine dritte Hypothese aufzustellen:
Jan Philipp Reemtsma verdeutlicht in seiner Abhandlung „Vertrauen in die Gewalt“, dass in einer gewalttätigen Situation dem Unterlegenen nur der Diskurs bleibt, wenn er überhaupt der Gewalt entgehen will, die Sprache bleibt ihm als einzige Waffe gegen die Gewalt. (Jeder kennt die typische James Bond Situation, in der der Held Zeit gewinnt, um den Schurken doch noch zu besiegen.)
Wenn wir es in dieser Region mit „Minderheitenkulturen“ zu tun haben, von Minderheiten, die Gewalt ausgeliefert waren oder sind, dann wäre es denkbar, dass sie nahezu eine Kultur des „rettenden Narrativs“ entwickelt haben, quasi als Überlebensstrategie. Dieses Verhalten setzt sich dann über die konkrete Bedrohungssituation hinaus im Alltag fort. Mehr noch: Als Verhaltensform wird sie auch von Zuwanderern aus ganz anderen Kollektiven adaptiert.
Das würde die Gesamtstimmung der Menschen hier, Juden, Drusen, Araber, als eine Art latentes Bedrohtfühlen entlarven. Die expansiven Narrative wehren in einem Dauerzustand der Bedrohung, die potentielle Gewalt präventiv ab. Diese dauerhafte Anspannung kann aber eine Gesellschaft nicht dauerhaft durchhalten. Ihr muss eine Zeit der Entspannung folgen, sonst zerbricht der innere Zusammenhalt eines Volkes. Das haben die postrevolutionären Gesellschaften zu genüge bewiesen. Wann erlaubt sich dieses Land die Zeit für Entspannung?

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