Veröffentlicht in Allgemein

Sabbat, 14. Oktober 2017

Sabbat bedeutet in Jerusalem, dass die Räder und irgendwie auch die Zeit stillstehen. In unserem Hotel fährt ein Lift von Stockwerk zu Stockwerk, wie von Geisterhand gesteuert – damit kein gläubiger Jude „das Feuer entfachen“ muss, übertragen also eine Maschine in Gang bringen und die Tasten selbst drücken muss.
Also ein guter Tag, um Jerusalem zu verlassen und die Westbank aufzusuchen. Wir besichtigen die „Talitha Kuma Schule“ und Beit Jala, unweit von Jerusalem. Der Mann der offiziellen Vertreterin der Palästinenser in Berlin, Suleimann Abu Dayyeh erkärt uns die verworrenen Zusammenhänge im Westjordanland, das in A-, B- und C-Gebiete unterteilt ist, je nach Präsenz der Israelis. Außerdem kommentierte er den derzeitigen Annäherungsprozess von Hamas und Fatah.
Anschließend führte uns Direktor Rolf Lindemann durch die Schule, die immerhin schon seit 1851 den Bildungsauftrag für christliche palästinensische Mädchen (heute auch Jungen) erfüllt.

Bethlehem

Die Geburtskirche ist wirklich für die Einfältigen. Den Rahmen des Eingangstores küssen, die „Demutspforte“ gebückt durchschreiten, dann anstellen, um zur Grotte zu gelangen. Diese wird eingerahmt durch Baugerüste und palästinensische Security. Bizarr und irgendwie absurd. Nun denn, ein Touri-Punkt abgehakt. Und die Erkenntnis gewonnen: „Jerusalem, Jerusalem, du liegst nicht weit von Bethlehem.“ (Nämlich ca. 10 km.)
Nun muss ich aber den Menschen vorstellen, der mich auf dieser Reise am meisten beeindruckt hat: den Prior der Domitio-Abtei auf dem Zionsberg, Nikodemus Schnabel.
Ich könnte hier das gesamte Gespräch wiedergeben, so viele interessante Gedanken und Schlüsse stecken in dem, was er sagte. Hier nur eine kleine Auswahl:
Auch Prior Nikodemus spricht von den Narrative dieser Region. Jede Gruppe erzählt ihr eigenes Narrativ, also ihre eigene Sichtweise der Dinge. Jedes dieser Narrative beansprucht aber für sich, das wahre zu sein.
(Unsere Fremdenführer verdeutlichen das jeden Tag, wenn sie bei einer geschlossenen Kirche oder beim Vorbeifahren einfach das erzählen, was man*frau sehen könnte. Allenfalls ein Foto braucht man*frau dann noch, das eigentlich Wichtige ist aber das Erzählte. Hier in Israel steht die Erzählung, das Narrativ über der Realität.)

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Ernst Fuchs, Das letzte Abendmahl

„Ich kann mich nicht entscheiden, welches Leid das größere ist.“ P.N. zum jüdisch-palästinensischen Dauerkonflikt und den gewalttätigen Auseinandersetzungen.
„Wir sind kein Ort, wo man nachpubertieren kann.“ P.N. über seine Abtei, die interessanter Weise (auch) Wilhelm II. 1898 anlässlich seiner Jerusalemreise gestiftet hatte. Wenn, wie beim Brandanschlag auf den zweiten Standort Tabgha (am See Genezareth), radikale Juden „Tod den Christen“ fordern, dann muss man wohl als Mensch und im Glauben gefestigt sein. P.N. nennt als „Kriterium, das erfüllt werden muss, um (hier) Mönch zu werden: sucht der, der anklopft, Gott?“
Auf die Frage nach seinem Lebensentwurf antwortete er mit einer Metapher aus dem Schauspielen: „Man braucht auf der Bühne ein Stand- und ein Spielbein. Mein Standbein ist der Rhythmus von Gebet und Essenszeiten, in denen ich mich mit Gott konfrontiere. Mein Spielbein folgt meinem Bedürfnis nach Fruchtbarkeit, dem ich in meinem alltäglichen Leben und seelsorgerischer Arbeit nachgehe.“ P.N. sieht bemerkenswerter Weise seine Arbeit als eine, die Früchte tragen soll. Ein schönes Bild. Um den Dreisprung von Aggression, Depression und Zynismus zu vermeiden, wenn man mit seiner Welt nicht mehr zurechtkommt, empfiehlt er, einen Tag mit Behinderten in Tabgha zu arbeiten.
Wer ihn beim Lesen entdecken möchte:
Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland: Mein Leben im Kloster zwischen Israel und Palästina. Herbig F A (o. Ort.): 2015.
Am Abend erleben wir, wie die Stadt aus dem Sabbat erwacht. Um genau 19.08 Uhr fahrenIMG_0945 die Straßenbahnen wieder an, stellen die Wirte Stühle und Tische wieder auf die Gasse und die Menschen ziehen lachend und schwatzend durch die Straßen.
Uns führt die Neugier nach Meia Shearim, dem Viertel der ultraorthodoxen Juden. Hier ist immer Sabbat, und so sieht es in diesem Abgrund, der Vorhölle, dem absolut Nichtvorstellbaren auch aus. Die Menschen hausen im Schmutz und Müll, weil sie nicht arbeiten. Die Straße prickelt von Tausenden von Kindern, der zweiten Beschäftigung der utraorthodoxen Juden neben dem Gebet. Unentwegt hasten Männer in Mantel und Streimel auf demWeg zur Synagoge an uns vorbei. Mit 3, 4, 5 Kindern an der Hand folgen ihnen Frauen, die selbst noch Kinder sind. Die Häuser verfallen – Ruinen, Slumbehausungen gleich. Wie können Menschen freiwillig so ihre Würde abgeben?

 

 

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