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Klaus Kinski – Revisited oder: Voll porno!

„Seid was ihr wollt“ lautet der fast programmatische Titel einer Tanzshow in der taT-Studiobühne des Gießener Stadttheaters. In einer Wiederaufnahme zeigt die Gießener Dance-Company eine lebhafte Interpretation der sagenhaften „Balladen und lasterhaften Lieder des Herrn François Villon“ rezitiert von Klaus Kinski. Allein dafür, mal wieder diese Stimme in einer Bühnenumgebung zu hören, hat sich der Abend gelohnt. Was die Gießener Tänzer*innen daraus machen, umso lohnenswerter. „Voll porno“ würden meine Schüler*innen sagen. Selbst eine ältere Besucherin fragte beim Hinausgehen: „War das Tanz oder Porno?“
In einer übersexualisierten Umwelt ist der körperbetonte und körperzeigende Tanz offensichtlich immer noch in der Lage zu provozieren. Dabei haben die Choreographien und Pas de deux nur eine Aussage: In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine.
Die Texte Villons klagten seinerzeit (1432-63) die selbsternannten Sittenwächter und „Lästerzungen“ an. Unschwer erkennt man hierin die modernen Wiedergänger, oft mit religiösen Argumenten, die sich aus den Moralvorstellungen von Wüstenvölkern aus dem levantinisch-arabischen Raum bedienen. In der amerikanischen Serie „Boston Legal“ erkennt der Hauptdarsteller William Shatner alias Danny Crane in der Folge Selling Sickness, dass Amerika in zwei Teile zerfallen sei. Ein Teil sei der Bevölkerungsanteil, der die Veränderungen nicht mitmache. Das gilt bestimmt auch für die europäischen Gesellschaften. Wenn Gesellschaften sich in hoher Geschwindigkeit verändern, entlädt sich die Unsicherheit vieler Menschen darüber in Aggression, die allzu gerne auf Frauen, Homosexuelle und Andersdenkende entladen wird. Wer die Geschichte der Menschheit durchforstet, wird dazu hinreichend Beispiele finden. Der Renaissance-Dichter Villon wirkt deshalb sehr aktuell (nicht nur durch die Übersetzung des Expressionisten Paul Zech), sondern auch mit seinen anderen Gedichten, etwa wenn Arme auch noch wegen ihrer Armut verhöhnt werden (was ja heutzutage gar nicht mehr passiert, nicht wahr Herr Tauber?!).
Sieben schöne Körper zeigen, dass im modernen Tanz eine Ausdrucksfähigkeit steckt, die vielleicht mehr zum Nachdenken anregen kann als das Wort. Gleichzeitig geben sie ein Statement ab für eine Welt, die zerbrechlich wirkt, bedroht durch Trump, Erdogan, Putin und ihre unheilvollen Legionen.
Zum Abschluss ein Dankeschön für die musikalische Transformation der Kinski-Rezitation in heutige Klangmuster. Ich hatte schon die üblichen Renaissance Lauten-klimpereien und Drehorgelgeleier befürchtet. Ich find’s cooler mit modernen Rhythmen. Oder wie es mein Namensvetter rappt: Wir wollen Bass, Bass… (Das Bo, Türlich, türlichhttps://www.youtube.com/watch?v=6LHe9m9VtXI )
Fotos der Inszenierung gibt’s hier: http://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/tanztheater/stueckansicht.html?tx_theatre_play%5Bplay%5D=435&tx_theatre_play%5Bevent%5D=1679&tx_theatre_play%5Baction%5D=show&tx_theatre_play%5Bcontroller%5D=Play&cHash=72960c31a92851278f133504fab787e

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