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14 Uhr: Pause

Orgelimprovisation in der Martinskirche auf der neuen 2,2 Millionen teuren Rieger Orgel.
Hallo, ihr Jungs da draußen mit euren 3er BMW.s und tiefergelegten Polos: Hört euch diese Orgel mal an – DAS sind Bässe! Auf deren 77 Registern würde ich gerne Kraftwerks Autobahn, die Kometenmelodie oder Kling Klang hören. Dann würden nicht nur die Haare vor den Orgelpfeifen flattern, sondern sich auch die auf meinen Armen hochstellen (  https://www.youtube.com/watch?v=8lDblSJBQPs  ).
Aber eigentlich hat mich die documenta 14 nach Kassel gelockt. Von den Parkplätzen an der „Fulle“, wie man den Weserzufluss hier nennt, spaziere ich über die wunderbaren Blickachsen des im französischen Stil gehaltenen Parks der Karlsaue. Die blendend weißen Statuen um die Karlswiese herum sind von Schmutzfinken beschmiert worden und lassen ahnen, dass die documenta eine Herausforderung sein wird.
IMG_0512Auf dem Friedrichsplatz stehen die in den Medien umfassend präsentierten Röhren (When We Were Exhaling Images von Hiwa K) und der Bücher-Parthenon (von Marta Minujín). Zwei Hauptwerke, die die beiden Leitthemen der vierzehnten documenta symbolisieren: Demokratie vs. Diktatur und Flucht/Geflüchtete.
Die verbotenen Bücher (ursprünglich hatte Marta Minujín die verbotenen Pressewerke der argentinischen Junta 1976-83 zu einer Installation zusammengefügt) und zahlreiche Werke anderer Künstler*innen zur Bewältigung der griechischen Militärdiktatur (1967-74) öffnen eine eindeutig politische Dimension dieser Ausstellung. Aber warum werden diese Diktaturen im Jahr 2017 abgehandelt? Und haben diese Länder heute nicht ganz andere Probleme? Parthenon
Ist nicht die politische Herausforderung dieser Tage die Radikalisierung der islamischen Religion? Müsste nicht in diesen Tagen eine politische Kunst eine Auseinandersetzung mit (jeglicher) Religion und ihrer Nähe zur Gewalt suchen und weniger die Aufarbeitung historische Diktaturen zeigen?
Einen der Ausstellungsorte, die Neue, neue Galerie, in ein muslimisch geprägtes Wohngebiet zu platzieren, ist vielleicht doch zu wenig der Bemühung. Aber wie in Europa vor genau 500 Jahren sind es doch auch heute religiöse Fanatiker, die sich als Bilderstürmer hervortun, unwiederbringliche Kunstwerke zerstören und das

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Onkel Bo: Selfportrait

widersinniger Weise mit einem Smartphone dokumentieren und ins Netz stellen.
Nun denn, genauso könnte ich von der Kunst fordern, sich doch intensiver damit zu beschäftigen, dass eine große Zahl von Männern sich offensichtlich als ungeeignet erweist, den politischen Herausforderungen unserer Zeit adäquat zu begegnen, und dennoch immer wieder in der Demokratie nach oben gespült werden.
Zurück zum zweiten Leitthema: Die Geflüchteten. Ob Kunstwerke eine höhere Sympathie für das Schicksal der modernen Migranten erzeugen? Ich weiß es nicht. Aber die stille Anklage: Seht her, und nicht weg!, über das Schicksal von Migrant*innen ist mir zu moralisch. Gibt es denn für die Migration so vieler Menschen keine politischen Ursachen? (Klar gibt es die.) Müsste dann nicht eine politische Kunstausstellung dort ansetzen? Aber vielleicht ist es einfacher, den*die wohlgefälligen Kunstbetrachter*innen in seiner*ihrer Gemütlichkeit zu erschüttern…
An anderer Stelle verwünschte ich die vielen Umleitungen auf Deutschlands Straßen. Ich hielt sie (naiver Weise) für eine touristische Maßnahme. Weit gefehlt! Sie sind die Umsetzung eines künstlerischen Prinzips des documenta-Kurators Adam Szymczyk: Den *die Besucher*in so lange in Kassel herumirren lassen, bis Einheimische den Weg weisen. Großartige Idee! So kommt man*frau ins Gespräch.

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Dimitris Alithinos: A Happening

Beim Rundgang fällt mir auf, dass mir (wie so oft) besonders Kunstwerke gefallen, die eine gewisse Geschlossenheit zeigen, vielleicht sogar mit mir kommunizieren. Diese documenta wird übrigens nicht von Unternehmen gesponsert, sondern von auswärtigen Autofahrern, dich sich ein Ticket an den sehr gut versteckten Radarkontrollen ziehen.

 

 

Wenn Realität diejenige Welt ist, die WIR als Realität vereinbaren, dann ist Kunst diejenige Welt, über die wir uns als Kunst einigen.

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Ein Kommentar zu „14 Uhr: Pause

  1. Entsteht Kunst in meinem Kopf während ich die Rolle des Betrachters einnehme?
    Was bin ich als Betrachter oder wer will ich sein?
    Im Kontext zu einer Passage deiner Ausführungen zur documenta kann ich mich an die vergangenen zwei Jahre erinnern als wir zu Zaungästen und Schaulustigen wurden. Wobei Lustig nicht das richtige Wort ist, wir waren erstarrt in Erstaunen als sich die Kunst des Verdrängens über uns ausbreitete. In Wort, Schrift und Bild, wir haben geschaut und machen es noch heute, mancher sprachlos oder auch mit Entsetzen. Die Volkerwanderung wird alles verändern. Auch die Kunst.

    Somit sind wir wieder bei Kunst in einer Diktatur (parthenon der bücher). Ich denke, wir sind davon gar nicht so weit entfernt als Geschriebenes noch nicht innerhalb Sekunden von Wahrheit zum Fake wurde, wo jeder über jeden und jedes Erkenntnisse verbreiten (ob wahr oder unwahr) und jeder sich öffentlich machen kann um dann in Verzweiflung zu versinken, wenn eine Bewertung durch „likes“ oder „dislikes“ zur Katastrophe des Einzelner wird. Im besten Fall zur Komödie wenn sich die Besitzer von Katzen als Künstler verstehen.
    Ist das nicht die Kunst von heute? Die Diktatur des Internet? Wir sind zu Voyeuren geworden.

    Ich stimme mit Dir überein, Kunst muss greifbar sein für den Betrachter. Der Künstler bietet sein Kunstwerk an und lässt uns die Entscheidung darüber, was wir darin sehen wollen oder können. Ist es nicht für jeden etwas Anderes, das Sehen? Wir entscheiden was es ist oder sein soll. Wie viele haben über Beuys Kunst kontrovers diskutiert. So soll es sein, be*greifbare Kunst und die ist real, nicht virtuell. Wenn es so bleiben kann, dann hat Kunst ihren Zweck erfüllt.
    Voyeuristische Grüße
    Doris

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