Veröffentlicht in Allgemein

Onkel Bo auf Reisen III.3

Sommer ist…
… wenn meine Füße morgens das nachtfeuchte Gras spüren.
… wenn ich zu jeder Tages- und Nachtzeit draußen sitzen kann.
… wenn mir gekühlter Weißwein besser schmeckt als Rotwein.

Liebe sachsen-anhaltiner Verkehrsplaner*innen! Wenn ihr schon eure Hauptaufgabe im Aufstellen von Umleitungsschildern erachtet, stellt doch zu den Baustellen Menschen und Maschinen. Das macht es glaubwürdiger!
Trotz aller Bemühungen, mich von Saale und Unstrut fernzuhalten, habe ich mit

Naumburg
Steinweg, Naumburg: Vom Dom zum Marktplatz

freundlicher Unterstützung ortskundiger Einheimischer mit Pfadfinderausbildung („Immer bereit!“) und risikofreudiger Streckenwahl doch den einen oder anderen Blick auf die beiden Wasserläufe erhaschen können.
Das eigentlich Interessante sind sowieso die (Wein-) Berge an den Flanken dieser Flüsse. Schloss Neuenburg zum Beispiel erhebt sich so majestätisch über diese Landschaft, dass man sich bereitwillig in die Tiefe stürzen und es den zahllosen Mauerseglern gleichtun möchte. Für eine*n Hessen*in bedeutet dieses Gemäuer natürlich einen Pflichtbesuch, immerhin verbindet uns mit den Thüringern*innen eine gemeinsame Geschichte.
Warum man*frau Naumburg gesehen haben sollte, muss ich wohl nicht begründen. Der

 

Dom Naumburg
Kreuzgang

dortige Dom sucht seinesgleichen. Stifterfiguren, Kreuzgang und Glasmalereien sind absolute Burner. Ein Gang durch die Stadt führt an restaurierten oder gut erhaltenen Bürgerhäusern der letzten Jahrhunderte vorbei. Der Marktplatz wird von den üblichen Mini-Robinien gesäumt. Die Eiscafés wetteifern um ihre Kund*innen. Alles pittoresk, alles Augenfutter.

An der Saale-Unstrut-Weinstraße erhebt sich ein Weinberg, den vor knapp hundert Jahren der leipziger Künstler und Grafiker Max Klinger erworben hat. Auf ärztliches Anraten wohl, aber selbst die schönste Aussicht auf die Region und den „Blütengrund“

Klinger Weinberg
Klingers Weinberg

hat die Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes nicht verhindern können. Ich wäre gerne dabei gewesen, wenn er mit seinen Musen die „Sinnlichkeit“ zwischen Weinstöcken und Wohnhaus ertanzt hat. Die Fortschrittlichkeit dieses Künstlers lässt sich nur erahnen, wenn man*frau ihn sich heute in Riad oder Teheran nackttanzend vorstellt…
Am Abend verspüre ich Hunger auf Fisch, das „Fischhaus“ (bei Schulpforte) hat aber Ruhetag. Der Campingplatzwirt empfiehlt mir den „Griechen“ in Bad Kösen, der habe auch guten Fisch. Da ich „Gegrilltes Lachsfilet“ nicht für eine typisch griechische Speise halte und sowieso frischen Flussfisch essen wollte, hatten wir wohl aneinander vorbeigeredet. Mir bleibt alternativ der „Herkules-Teller“.
Apropos „Griechen“. Wenn man die Situation dieses Landes verstehen will, muss man nur die Restaurants der Exilgriechen in Deutschland besuchen. Seit gut 40 Jahren wird uns ein Abklatsch der (vielfältigen und reichen) türkischen Küche bestehend aus zu Trockenfleisch Gegrilltem an Knoblauch und Zwiebeln als „griechisches Essen“ serviert – ein Hohn, wenn man in Griechenland selbst schon essen war. Dass sich dieses „Essen“ seit 40 Jahren nicht verändert hat, sogar bundesweit in allen griechischen Restaurants gleich schmeckt, deutet auf eine geheime Ausbildungsstätte in Deutschland hin, in der alle Kochaspiranten*innen auf die üblichen Einheitsmenüs eingeschworen werden. Da man*frau in Griechenland sogar Gemüse zubereiten kann, nicht Mineralöl, sondern richtiges Olivenöl verwendet und durchaus genießbaren Wein ausschenkt – nicht wie im „Santorini“ die Tetra-Pack-Abfüllung von, ja , was eigentlich – muss diese Ausbildungsstätte außerhalb von Hellas liegen. In den vergangenen 40 Jahren haben es sich die Deutsch-Griechen gemütlich gemacht, wie in der EU, die deutschen Gäste haben bisher noch alles gegessen. Noch Fragen?
Meine Lieblingsanekdote zu Griechen:
Ein kretischer Olivenbauer erklärte mir einst: „Brüssel bezahlt, dass ich Olivenstöcke anpflanze zur Landschaftspflege. Brüssel bezahlt, wenn ich Olivenstöcke fälle, wegen des Olivenölüberschusses. Und Brüssel bezahlt, wenn ich mein Kontingent an Olivenöl einhalte.“ Nach einer Pause fuhr er fort: „Das restliche Öl schmuggele ich nach Italien, die verschneiden es dort mit ihrem Öl.“
Als Abschiedgruß sticht mich eine der kleinen, übriggebliebenen Wespen, die allerortens so planlos herumschwirren. Wo sind eigentlich die echten deutschen Wespen (Vespula germanica) geblieben?

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Onkel Bo auf Reisen III.3

  1. Lieber Bo,
    ich hätt Deinen Blog mal etwas früher lesen sollen, dann wären mir noch ein paar schöne Ausflugstipps nicht entgagnen. In Naumburg waren wir wenigstens. Und das mit den Umleitungen … ich dachte schon, die machen die nur für uns hin.

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