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Onkel Bo auf Reisen (Teil III)

Wie bin ich froh, dass ich weg bin!
Der Kompass zeigt auf 90 Grad: der Bulli zuckelt nach Osten.
Zuerst durch oder besser über den Vogelsberg. Die dortige Fremdenverkehrsbehörde hat sich in diesem Sommer etwas Großartiges ausgedacht. Mit Hilfe von Umleitungs-schildern wurden die Durchgangsstraßen nach Fulda gesperrt, und ahnungslose Reisende fahren nun durch Orte, die nicht einmal Bürgersteige haben und meist auf Namen –hain enden. Kaum den Höhen des Vogelsberges entstiegen baut sich das nächste Mittelgebirge auf: die Rhön. Tapfer kriecht mein Bulli die Serpentinen hinauf und gleitet dann auf atemberaubenden Passstraßen hinab. Ich schließe die Augen, denn ich habe Tiefenangst.
Der Dieselmotor stellt erst in Meiningen sein sonores Brummen ein. Der Fahrer spätstückt sein Bio-Müsli mit fangfrischen Zuchtheidelbeeren und stürzt sich dann ins

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Englische Romantik inmitten Deutschlands

City-Leben von Meiningen. Hochburg mitteldeutscher Theaterkunst, sogar mit einem Theater-Museum, in dem man Kulissen, Kostüme und Requisiten bestaunen kann. Leider am Sonntag in der Mittagszeit geschlossen. Ein kurzer Blick auf herrschaftliche Architektur und einen freien Marktplatz, der nicht wegen germanischer Agoraphobie mit Caféstühlen und Sonnenschirmen, Verkaufsständen und Robinienwinzlingen vollgestellt ist. Danke!
Die A71 führt nicht nur weiter nach Suhl und Ilmenau, sondern auch durch einige Tunnels und gibt der Landschaft dadurch schweizerisches Flair. Der eigentliche Weg zur Saale wird durch das lauschige Tal der Schwarza umgeleitet (touristisches Konzept s.o.).

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Künstliche Ruinen in Meiningen

Im Hotel Schwarzaburg in Schwarzburg unterzeichnete Friedrich Ebert 1919 die „Weimarer Verfassung“. „Schwarzburger Verfassung“ hätte auch gut geklungen. Dass die weitere Geschichte rabenschwarz verlaufen sollte, hatte man damals wohl schon geahnt. Der Ort selbst nennt sich „Perle Thüringens“. Offensichtlich will man damit der Dialektik einer Perlenkette folgen, die zwar schmückt, aber keinen Gewinn abwirft.
Folgt man dem kleinen Flüsschen, so gelangt man nach Bad Blankenburg, wo sich die

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Schwarza-Wasserfall bei Bad Blankenburg

Schwarza mit flughafenlautem Brausen in einem Wasserfall herunterstürzt, um sich dann in ein seichtes Gewässer zu verwandeln.
In Bad Blankenburg scheint alles „en miniature“ zu sein. Auf dem kleinsten Campingplatz Thüringens bin ich der einzige Gast. Ein etwa 159 Zentimeter großer Einheimischer spricht mich im regionalen Idiom an und weist mich daraufhin, dass die Gassen wie ausgestorben seien. Das wäre mir ohne seine Ortskenntnis gar nicht aufgefallen. Früher seien hier überall Geschäfte gewesen, und die Kinder hätten auf der Straße gespielt. Das schien schon damals nicht der richtige Ort für die Lütten gewesen zu sein, deshalb sammelte sie 1840 Friedrich Fröbel ein, steckte sie in ein Haus und nannte das Ganze „Kindergarten“.

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Fröbel-Museum

 

 

 

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4 Kommentare zu „Onkel Bo auf Reisen (Teil III)

  1. Wunderschön zu lesen. Auch der unfassbar genaue Blick, dass der gute Mann 1,59 m klein ist und nicht etwa 1,60 m.

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  2. Oh wie schön, dass du die Thüringer Keimzelle besucht hast. Es ist da wirklich wunderschön, gell…. den die Menschen sind dort weg oder im Altersheim.
    Kommst du heute auf ein bier vorbei?

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