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Wolfgang Zacharias, Juli Zeh und das Verschwinden der Weltordnung

Im Zug der BOB (Bayerische Oberlandbahn) lese ich Juli Zehs Spieltrieb. Eine Autorin, die mir bisher entgangen war. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass ich in den ver-gangenen 10 Jahren vor allem historische Schmöker gelesen habe: Mantel, Gablé, O’Brian, Cornwell. Mein Interesse für das Vergangene (wenn auch poetisch vermittelt) lässt auf eine gewisse Saturiertheit, einen konservativen und rückwärtsgewandten Geist schließen. Stimmt wohl auch.

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Arbeitsszene in Oberbayern

Das Erreichte schien gut und bewahrenswert. Die Gegenwart allein Zeit zum Resümieren und Erinnern. Dann kam das Jahr 2015, und A. Merkel mit Erlaubnis des Bundestages löste die alte Bundesrepublik im Strom der Völkerwanderung auf. Mein Geist wehrte sich zuerst gegen so viel Auflösung, Identitätszerstörung und Neuerung. Dann aber entschied ich mich dazu, dass ich mich öffnen musste, das Werdende, Geschehende akzeptieren müsse und offen bleiben für die Herausforderungen der neuen Zeit. Deshalb meine Abkehr von meiner Lehrer*innendefinition, der zu Folge ich Schüler*innen grund-legendes Wissen und grundlegende Fähigkeiten vermitteln wollte (und vermittelt habe), der zu Folge ich klugen Unterricht für kluge Schüler*innen gestalten wollte (und gestaltet habe), der zu Folge ich als Lehrer*in auch den Wettbewerbsgedanken der Leistungsgesellschaft in der Schule vertreten sollte (und habe).
Ich begann ein Studium („Kulturelle Bildung an Schulen“), legte einen Spotify-Account anIMG_0361 und entdeckte mich als Reisenden in Sachen Kultur. Deshalb mein Blog, deshalb meine schulische Präferenz für das Fach „Darstellendes Spiel“, die Wiedereröffnung meiner geliebten Schreibwerkstatt, die wöchentlichen Treffen meines Arbeitskreises Allge-meinbildung. Ich möchte weg von althergebrachten Beschulungsformen und ausloten, wie Schule in diesem neuen Jahrhundert aussehen sollte. Ich weiß aber noch nicht, wohin das führt. (Das Ausloten in der Seefahrt kann das Auflaufen auf Grund oft nicht verhindern.)
Zurück zu Juli Zeh. In einem früheren Blog-Beitrag habe ich Kritik an John von Düffels Klassenbuch geäußert. Der Autor versuche, einen Blick ins Innere von Jugendlichen vorzunehmen. Das hielt ich für fragwürdig und eher auch misslungen. Auch Juli Zeh hat (schon) 16 Jahre zuvor in Spieltrieb ein vergleichbar düsteres Bild von Jugendlichen gezeichnet. So wie ich das Alte als gut bewertet und damit erhaltenswert erachtet habe, sehen beide Autoren eine Welt, die bedroht wird. Bedroht durch eine neue Generation als potenzielle Zerstörer dieser alten Welt. So wie man einem kleinen Jungen nur ungern die eigene Modelleisenbahn zum Spielen überlässt, traut die ältere Generation der jungen nicht zu, das über Generationen Erkämpfte zu bewahren. „Das Alte spricht: ‚So wie ich bin, bin ich seit je.’ Das Neue spricht: ‚Bist du nicht gut, dann geh!’“ (Bertolt Brecht) Aber uns, also meiner Generation erschien das Alte gut. In den Romanen Zehs und von Düffels erscheinen Jugendliche mit einem bedrohlichen Zerstörungspotenzial. Diese Kraft wird nach innen, aber auch nach außen gelenkt. Und sie macht die Erwachsenen ratlos.
Das Gespräch mit Wolfgang Zacharias war angenehm. Biographisches aus einem bewegten und bewegenden Leben. Ich möchte keinesfalls seine Leistungen diskre-ditieren, im Gegenteil, ich habe großen Respekt und große Hochachtung vor dem Menschen Wolfgang Zacharias und seinen Leistungen. Allerdings erscheinen mir die gedanklichen Ansätze Relikte aus dem letzten Jahrhundert zu sein. Oft spricht er von „System“ und „Strukturen“, die zu verändern seien. Ganz im Geiste der 68er, oder in Vorstellungen, wie sie noch heute bei den Grünen zu finden sind. Daran ist erstmal nichts Falsches. Doch hilft es mir bei meiner Suche nicht weiter. Denn wenn das Ziel kultureller Bildung die Schaffung eines selbstbestimmten und souveränen Menschen ist, kann auf der anderen Seite, der Lehrer*innen-Seite nicht der Mensch als Teil eines Systems stehen. Auch diesen Menschen zu stärken, ihn*sie besser auszubilden, aber dann auch das Vertrauen und die Freiräume für eine bessere Bildung zu schenken, und ihn*sie nicht am Gängelband der Post-Bologna-Modularisierung auszubilden oder eng gestrickte zentrale Lehrpläne vorzugeben – das könnte ein Wegweiser für eine modernere Bildung sein. Und gleichzeitig die Basis für ein Mehr an kultureller Bildung an Schulen.
Verpflichtet jede*n Lehrer*in dazu, ein Musikinstrument, eine künstlerische Gestal-tungsform und eine Sportart in die Examensqualifikation einzubringen! Stärkt die pädagogisch interessierten und talentierten Student*innen! Stoppt die Schwemme von opportunistischen Beamt*innen an den Schulen, die nur die Möglichkeiten der Auszeiten und Unkündbarkeit auskosten! Öffnet die Schulen für die Querdenker, die Aufmüpfigen, die Streitbaren! Und fragt die Schüler*innen nach ihrer Meinung, bevor ihr Anwär-ter*innen zu Beamt*innen auf Lebenszeit ernennt!

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4 Kommentare zu „Wolfgang Zacharias, Juli Zeh und das Verschwinden der Weltordnung

  1. Vielen Dank für deine Ausführung über moderne schulische Ansätze. Wir haben diese Kinder bekommen um sie auf dem Weg in die Welt zu begleiten und sie zu verantwortungsvollen Menschen zu erziehen. Sie sind nicht unser Eigentum sonder uns nur anvertraut. Dies gilt sowohl für Eltern, als auch für Lehrer*innen. Leider sieht es in der Realität des Lebens unserer Leistungsgesellschaft nicht immer so positiv aus. Mein mir anvertrautes Wesen und ich, wir haben viele Jahre damit verbracht schulische Wunden heilen zu lassen (mal besser, mal weniger erfolgreich) damit mein Kind heute ihren Weg gehen und die Entscheidungen dafür selber treffen kann. Ich bleibe im Hintergrund und bin da, wenn meine Hilfe oder Erfahrung gebraucht werden. Ich hätte mir mehr Empathie und ‚Einsichten‘ der schulisch Verantwortlichen gewünscht, so wie Du sie beschreibst. Danke dafür.
    Doris

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  2. Ich teile vor allem Deine letzten Absätze in Bezug auf lehrende Personen!
    Was das Zerstörungspotential, also die Abgründe, wie Juli Zeh („Spieltrieb“ habe ich verschlungen und seitdem alle ihre Bücher ebenso) sie literarisch ausmalt, anbelangt: Die gibt es schon immer und auf beiden Seiten – der der Lehrenden und der der Belehrten.

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  3. Und deine letzten Worte sind so kämpferisch und gerade letztens in Nantesbuch haben wir wieder darüber diskutiert, Teile von KuBi in die erste Ausbildungsphase von LehrerInnen fest zu implementieren…. du weißt auch, dass es das schon in der sozialistischen Ausbildung an einer PH gab. JedeR musste einen kulturellen Beleg im Grundstudium schreiben.

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