Veröffentlicht in Allgemein

John von Düffel: Klassenbuch – Der Autor liest am 8. Juni 2017 im Frankfurter Literaturhaus

Adieu Meinungsfreiheit

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über junge Männer mit langen Vollbärten schreiben, ausgelöst durch einen – … anderen Besucher. Nachdem ich meine Überlegungen durchgelesen habe, konnte ich mir unschwer einen Shitstorm auf meinen Blog vorstellen. Das war es mir erstens nicht wert (es würde sich sowieso nichts ändern), zweitens habe ich in meinem Beruf schon lernen müssen, die eigene Meinung zurückzuhalten. Sei’s drum.

Hochachtung empfinde ich für die Autor*innen, die sich trauen, ihre Meinung noch zu sagen bzw. zu schreiben und dafür verleumdet, belästigt, verfolgt oder inhaftiert werden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Leben erleben werde, dass die Meinungsfreiheit zu einem umkämpften Gut wird und sich überall ihre Feinde breit machen. Auch oder besonders im Internet. Deshalb hier eine Blankoseite „Kommentar zu jungen Männern, die lange Vollbärte tragen“ an Stelle freiheitlicher Meinung:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und damit wäre ich endlich beim „Klassenbuch“. John von Düffel las an diesem Abend zwei Kapitel aus seinem neusten Werk vor. Meiner Meinung nach die einzig lesenswerten. (Ich verlor am folgenden Wochenende nach knapp der Hälfte des Werkes die Lust am Weiterlesen.) Christoph Schröder (FAZ) lobte im trauten zweisamen Gespräch, dass der Autor nicht versucht habe, eine Jugendsprache aufzugreifen, die so gar nicht existiere, wie etwa beim „Jugendwort des Jahres“. Weit gefehlt, genau das tut er. Aber nicht nur die Sprache ist gekünstelt. Auch die jugendlichen Personen haben nichts mit denen gemeinsam, denen ich tagtäglich begegne, außer ihren Neurosen. Die Gedanken, Phantasien und Vorstellungen seiner jugendlichen Handlungsträger wirken ganz so, wie sie sich ein*e Erwachsene*r denkt, der glaubt, sich in die Gedankenwelt eines jungen Menschen hineinversetzen zu können. Das mag bei der Erschaffung eines*r gleichaltrigen Protagonisten*in zu klappen, stammt er*sie aus einer anderen Generation, wird’s peinlich. Darüber hinaus erfindet von Düffel seltsame Popgruppen und deren Musikstücke, sogar ein angeblich verschollenes klassisches Gesangsstück und eine Minidrohne, die die heute schon bestehende Dauerüberwachung in die intimste Privatsphäre trägt. Wozu? Ja, es gibt in der jungen Generation eine erschreckende Naivität im Umgang mit persönlichen Daten. Vor allen dann, wenn sie glaubt, dass sie sich in einem „Raum“ bewegt, von dem Erwachsenen, vor allem Eltern, ausgeschlossen sind. Die jungen Menschen, die von Düffel präsentiert, haben aber eher ein kriminelles Potential im Umgang mit der Privatsphäre anderer. Und das können junge Menschen gut unterscheiden. John von Düffel macht den Fehler, im Alter in die Welt der Jugend eintauchen zu wollen. Ein paar Nächte in einer virtuellen Spielewelt machen aber aus ihm keinen Jungen, der Abschied von der Realität nimmt. Und die Gespräche mit seiner Tochter nicht zum Experten für die Innenwelt Heranwachsender. Dann doch lieber die existentiellen Nöte junger Menschen bei Fontane, der Beobachter bleibt, wenn er nicht „hineinsehen“ kann, und es dem*der Leser*in selbst überlässt, wie weit er*sie seine*ihre Seelenkunde treibt. Die Empathie, die Fontane auslöst, kann von Düffel nicht annähernd erreichen. Nicht einmal beklagenswert sind seine Geschöpfe. Wollte er auf die Gefahren der virtuellen Datenwelt aufmerksam machen, so gleicht er dem Opa, der „in seiner Jugend auch mal gekifft hat“ und auf die Gefahren der Drogenwelt hinweisen will. Und wollte er einen Bilderbogen der Jugend in den Zweitausendzehner Jahren zeichnen, so scheitert er an seinem naturalistischen Anspruch. Seine Figuren sind weder real noch ästhetisiert. Wozu also?

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