Veröffentlicht in Allgemein

Ja, ja, die 80er…

Während im Prekariatsfernsehen die 80er Jahre als ein Jahrzehnt von Popmusik, bunter Klamotten und seltsamer Frisuren gefeiert werden, kommentiert von B-Promis mit den konservierten kleingeistigen Einsichten ihres Teenagerdaseins, im Dudelfunk der Musik dieses Jahrzehnts „Kultstatus“ verliehen wird, und deshalb die Hits der 80er rauf- und runtergespielt werden, sodass selbst Phil Collins gemeint haben soll, dass er doch ein wenig zu oft zu hören sei, und die Best-Ager, zu denen ich wohl auch gehöre, ein kleines bisschen zu oft bekennen, die Entwicklung seitdem doch irgendwie nicht mitbekommen zu haben und deswegen froh seien, dass im Unterhaltungsbereich so viel Schönes aus ihrer Jugend zu hören sei, und „den Computerquatsch bräuchten sie ja sowieso nicht mehr“, schreibt ein Laurent Binet den Roman, der diese Zeit wieder so auferstehen lässt, wie ich sie erlebt habe – nämlich an der Universität, eine Zeit, in der Studenten (der Begriff umschloss damals auch die weibliche Studentenschaft) bei Tisch, im Café oder in der Kneipe über Linguistik und Philosophie diskutierten, wohingegen sie im Jahr 2017 die Namen fassgelagerter Ginsorten und Kleidungslabels austauschen oder sich zu Fußball-Clubs ausländischer Ligen bekennen, 30 Jahre zuvor aber Foucault und Derrida die Namen waren, die geraunt wurden, nicht Ronaldo oder Ramos, die USA sich mit Chomsky und Searle als das neue gelobte Land der Sprachphilosophie entpuppten, wir Studenten dem Sozialismus als historisch überholt nachtrauerten, die Postmoderne als neues Kapitel in unsere Gebetsbücher übernahmen und durch AIDS einigen liebgewonnen Freizeitaktivitäten Adieu sagen mussten. Mit Binet darf ich wieder mit einer Selbstgedrehten in der Hand im ‘de Gass sitzen, einen Café au Lait bestellen, mein Buch beiseite legen und mit der Studentin am Nebentisch flirten, die gerne den Titel des Buches wissen möchte, während der Wirt mir zuruft, dass mein Freund R. angerufen habe und er später komme.
In Marburg hatten wir beim Debattieren nicht so harte Sitten wie der Logos-Club in Binets Roman, der regelrechte rhetorische Duelle veranstaltet, die für die Verlierer ungeahnte körperliche Folgen haben. In den 80er hatten wir schon mit Reagan zu kämpfen, wir durften also 2017 von Trump nicht überrascht sein. Binet erfindet eine 7. Sprachfunktion, die ultimative rhetorische Kraft habe, das Performativ. Eine weibliche Figur sagt dazu im Roman: „Ihrer Meinung nach muss ein weißer heterosexueller Mann nur einmal erklären, dass etwas so ist, und schon ist es so. Treffender lässt sich das Phänomen Trump kaum erklären.
Im Kern ist der Roman eine Detektivgeschichte. Ein typischer Schmuddelinspektor mit bodenständiger Bildung soll auf höchsten (Giscard d’Estaings) Befehl den Tod von Roland Barthes aufklären. In dessen Händen befand sich vor seinem „Unfall“ ein Schriftstück mit einer Erklärung der siebten Sprachfunktion, des „Performativs“. Bayard, so heißt der Kommissar der Pariser Polizei, ermittelt in den Universitäten, im Schwulenmilieu, auf Partys und in der Politik: Paris ist ein tödliches Hornissennest.
Dieses Schriftstück weckt zahlreiche Begehrlichkeiten in der Politik und selbst bei den Geheimdiensten, so dass ein wunderbarer Reigen mit den Köpfen der Intellektuellen-Szene der 80er entsteht. Binet reduziert den Kreis der Protagonisten mit schicksalsharter Hand, während Bayard und sein „Dr. Watson“, Simon Herzog, ein Doktorand, der ihm die Welt des Geistes erklärt, nur knapp einen Bombenanschlag in Bologna entgehen. Der Tod lauert in Speisen, Brieföffnern, giftspritzenden Regenschirmen, einem Zauberwürfel und kollidierenden Automobilen.
Mit viel Phantasie lädt Binet die wichtigsten Sprachforscher zu einer Linguistik-Konferenz nach Ithaca im Bundestaat New York ein und lässt sie den Campus der Cornell-Universität belagern. Eine orgiastische Studentenfeier bildet den Rahmen für die Zerstörung des „Schriftstückes“. In bester James-Bond-Manier wechselt der Schauplatz der Handlung nach Venedig. Zum Carnevale findet die Handlung ihren Höhepunkt: selbstverständlich in einem Duell. Mehr will ich hier nicht verraten.

Irgendwann stellt Simon fest: „Ich glaube, ich sitze in einem verdammten Roman fest.“ Das Wecksignal für mich, dass Binet die 80er nur in einem Roman wiederauferstehen lässt. Die Wirklichkeit hat sich 30 Jahre weitergedreht…

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