Veröffentlicht in Allgemein

V. Kulturagenten

Unterwegs mit einer Kulturagentin

 

„Bei Kindern und Jugendlichen Neugier für die Künste wecken, mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur vermitteln und die selbstverständliche und aktive Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur ermöglichen: Das sind die Ziele des Programmes ‚Kulturagenten für kreative Schulen Thüringens’“

Soweit die Theorie…

Also begab ich mich in das nahe Land Thüringen, zu sehen, was bei uns in Hessen nicht zu sehen ist. Mein altes Schlachtross Bulli brachte mich über die Hügel des Thüringer Waldes in die lieblichen Weiten des Thüringer Beckens an die Gestade der Ilm, wo weiland Goethe seinen Fuß voransetzte, um seinen Gefährten Schiller zu besuchen. Dort wurde ich wunderbar bewirtet von einer holden Frau. Sie kredenzte die weltbekannte Thüringer Bratwurst, hier Roster genannt, gegrilltes Schweinefleisch und Kartoffelsalat, dazu vorzüglich mundenden Wein von den unweiten Saale-Weinbergen.
Sie stellte sich als eine Agentin der Landesregierung heraus, eine Kulturagentin. Damit war mein Plan für den nächsten Tag schon gereift: ich würde mir ihre Tätigkeit ansehen und mit ihr durchs Land fahren.IMG_0206

Nach einer eiskalten Nacht, nur notdürftig unter dem Dache meines Bullis liegend, flößte mir eine Tasse Kaffee neuen Lebensgeist ein. Agentin Hecht startete ihren roten Sportwagen und ich zwängte mich auf den Beifahrersitz. 6:30h. Der Tag begann…

Die einsamen Landstraßen Thüringens führten uns nach Wormstedt. Dort tragen die tapferen Männer des Sportvereins in der Tat einen Lindwurm im Wappen. Ich war also in Smaugs Einöde, in der Drachenhöhle angekommen.

Agentin Hecht schritt tapfer in die Regelschule Wormstedt ein. Kampferprobt wie sie ist, ließ sie sich nicht von schätzungsweise 150 kleinen Drachenkindern und ihren 13 Lehrer*innen erschrecken. Ja, richtig gelesen. Anders als in Michael Endes Jim Knopf und die wilde 13 sind hier die Lehrer*innen keine Drachen, sondern liebenswürdige Menschen, die mit viel Herzblut ihrer Arbeit nachgehen.
Agentin Hecht hat diese Schule zu einer Programmschule werden lassen. (Für die hessischen Leser: vergleichbar mit unseren KulturSchulen). Mit viel Initiative und Idealismus wurde eine Projektwoche ins Leben gerufen, in der unter anderem aus einem breitgefächerten Angebot das Programm für das Schulfest am 12. Mai entstand.
Das Angebot wird von Künstlern aus dem Kulturagenten-Programm unterstützt. Eine Zirkusakrobatin baut mit den Kindern Pyramiden aus Menschen, ein Musiker lässt Schrott und alltägliche Gegenstände erklingen, eine Schauspielerin lässt Kinder eigene Ideen auf die Bühne bringen. Das Foto oben zeigt Filzblüten aus einer Textilwerkstatt in Weimar. Auch hier waren die Kinder unter künstlerischer Anleitung schöpferisch tätig. Das Angebot umfasste Kochen, Chor, Tanz, Musik, Holzbearbeitung und, und, und…
Im gesamten Schulgebäude wuselte es, leuchteten Kinderaugen und zeugten verschwitzte Gesichter vom Engagement. Welcher Kontrast zu den ruhigen Schulfluren während des Regelunterrichtes. Für die Lehrer*innen bedeutet eine solche Projektwoche natürlich Mehrarbeit, besondere Anstrengung, zusätzlicher Energieverbrauch am Ende eines langen Schuljahres. Deswegen muss ich hier den Lehrkräften Respekt zollen.
Die Regelschule Wormstedt hat keinen einfachen Stand: Ständig unter dem Damoklesschwert der Schließung stehend, wie hessische Mittelstufenschulen als „Restschule“ diffamiert, ohne potente Sponsoren oder Förderverein. Das Kulturagenten-Programm hilft vielleicht, den Ruf der Schule zu verbessern und den Stellenwert der Arbeit, die dort geleistet wird, auch andernorts besser einzuschätzen. Die Lehrer*innen und Schüler*innen zeigten jedenfalls ein hohes Maß an Identifikation mit der Schule. Wer das Schulleben kennt, weiß, welch wichtige Ressource das für den Schulalltag bedeutet.IMG_0215

Agentin Hecht zog es weiter. Wir fuhren nach Apolda, zur Textilwerkstatt von Sabine Brodowski http://www.einzig-art-ige-momente.com/Sabine-Brodowski.html
Passen zur Landesgartenschau fertigten die Schüler*innen dort die o.g. Blüten an.
Doch Agentin Hecht trieb uns weiter. Nach einer kleinen Mittagspause brachte uns ihr Sportwagen zur Grundschule Parkschule in Weimar. Dort betreute sie ein Projekt zur Gestaltung des Schulhofes. Mit einem Künstler fertigten die Kinder „Zaunkönig*innen“ an, die den schlichten Metallzaun kindgerecht beleben werden. Unterstützt wurden die Kleinen von Berufsschüler*innen, die auf diese Weise Praxiserfahrung für ihren späteren erzieherischen Beruf sammelten.

Vielleicht liegt es daran, dass ich über Agentin Hecht einen sehr bestimmten Blick auf das nachbarliche Bundesland gewonnen habe. Aber ich hatte den Eindruck, dass Kultur und Kunst hier einen besonderen Stellenwert haben. Das nicht immer gleich das Materielle im Vordergrund steht (auch wenn natürlich auch hier Kultur finanziert werden muss). Und die Menschen in ihrem Leben einen ästhetischen Anspruch haben.

Ein Tag mit intensiven Eindrücken endete. Ich bestieg wieder meinen Bulli und fuhr zurück in meine hessische Heimat. Thüringen liegt so nahe, und doch hatte ich den Eindruck, dass es weit entfernt liegt. Ist es wirklich nur ein anderes Bundesland? Gibt es hier eine eigene Mentalität, einen thüringischen Charakter? Oder ist 28 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer der Ost-West-Unterschied zu spüren?
PS: Über die Projektwoche in der Regelschule Wormstedt berichtet die „Thüringer Allgemeine“, leider in einem kostenpflichtigen Artikel. Aber wer möchte:

http://apolda.thueringer-allgemeine.de/web/apolda/startseite/detail/-/specific/Nach-Lust-und-Laune-kreativ-sein-858062591

 

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Ein Kommentar zu „V. Kulturagenten

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