Veröffentlicht in Allgemein

II. Architektur

Architekturbüro von der Heid, Nidda

„Bauen ist ein Geben und Nehmen!“ (Hubertus von der Heid)
„Ich hab’ nicht immer Recht, der Handwerker hat nicht immer Recht – wichtig ist, was hinterher dabei herauskommt.“ (Ders., als Fortsetzung des Gedankens)
Wieder ein Donnerstag. Fünf nach halb sieben. Hubertus von der Heid holt mich von zu Hause ab. Keine Morgensonne. Mein Atem erzeugt kleine Wölkchen. Fahrt ins Büro.
Rundgang. Einweisung in zwei laufende Restaurationsprojekte: Felsenkeller in N.-M., „Dreigiebelhaus“ in N.
Das Architekturbüro ist ein Familienunternehmen: 2 Brüder, Hubertus und Heiko von der Heid, und Hubertus’ Sohn Christian. Daneben Mitarbeiter*innen und weitere Familienmitglieder
(wer’s genau wissen möchte: hier die Homepage: http://von-der-heid.de )
Mit Christian ein erstes Gespräch über Schimmelbildung, CAD-Programme, Copic-Marker, Plotter und Bauzeichnungen. Mein Gehirn wird langsam wach…
Am PC darf ich Rechnungen einpflegen. Jeder Job hat so seine „Fleißarbeiten“.
Anziehen. Aufsitzen. Ab zur Baustelle. Einfamilienhaus-Neubau in O.-W.
Es ist immer noch a…kalt.
Man kennt sich: Bauherr, Handwerker, Bauleiter. Der Ton ist oberhessisch rau, aber herzlich. Man zieht an einem Strang. Heute soll die Glocke werden… (kleiner Scherz) Betonieren einer Decke. Alles muss pünktlich vorbereitet sein, wenn der Betonlaster kommt. (Hier werden Jungensträume wahr.)
Ab ins Auto. Zurück ins Büro.
9.30h: Wieder ins Auto: Große Rundfahrt
Zuerst nach E. Hausgutachten bei einem Erbfall. Der Wert des Gebäudes muss geschätzt werden. Besichtigung, Fotos, ein Blick auf den Bauplan. Kurzer Small-Talk mit dem Erbverwalter.
Dann nach G. Ein Kindergarten erhält einen neuen Zaun. Besichtigung mit Bürgermeister und Leiterin. Der Handwerker klärt Details. Ein wenig Small-Talk. Weiter geht’s.
Hessenpark: Wiederaufbau einer Scheune. Die Leitern hoch, Kontrolle der laufenden Arbeiten. Alles läuft. Kurzer Plausch mit den Handwerkern…
Kleiner Exkurs: Kommunikation am Arbeitsplatz
Hier fällt mir auf, wie kommunikativ das Tätigkeitsfeld Architektur ist. Ständig muss Hubertus reden: am Telefon mit Auftraggebern und Auftragnehmern, dem Büro, den Mitarbeitern. Auf den Baustellen mit den Handwerkern, den Lieferanten, den Bauherren. Mit Behörden und, und, und. Dazu die allgegenwärtige schriftliche Kommunikation. Briefe, Aufträge, Kostenvoranschläge, Rechnungen, E-Mails, Baupläne, Leistungsverzeichnisse etc.
Als Lehrer ist es meine Aufgabe, die Schüler*innen zum Kommunizieren zu bringen. Das führt bei mir zu einer nahezu lakonischen Sprechweise, denn je weniger ich quatsche, desto mehr Unterrichtszeit bleibt für die Schüler*innen. Mein Unterricht wird mehr durch Gesten und Körpersignale gesteuert. Arbeitsanweisungen sind hochgradig routinisiert, damit auch dafür möglichst wenig Zeit draufgeht. Auf den Baustellen muss aber nicht nur alles genau abgesprochen werden, müssen exakte Verbindlichkeiten hergestellt werden, auf der Informationsebene genaue Daten und Handlungsanweisungen vermittelt werden. Sondern genauso wichtig ist das Networking. Der ständige Kontakt mit Bauherren, Behörden, Handwerkern und Lieferanten muss gepflegt werden. Das Zwischenmenschliche, also die Beziehungsebene der Kommunikation hat einen mindestens genauso hohen Stellenwert, ja ich habe den Eindruck, dass in dieser rauen Männerwelt diese Kommunikationsebene noch wichtiger ist. Das Pflegen der geschäftlichen Kontakte, das Einholen neuer Aufträge und Fortführen der alten, der Umgang mit Behörden, die Zusammenarbeit mit den Handwerkern, all das erfordert offensichtlich ein hohes Maß an Vertrautheit. Man(n) kennt sich untereinander. Jeder weiß, was er von dem anderen zu halten hat, weiß, worauf es ankommt. Das scheinbar lockere Geplaudere, das „Frotzeln“ untereinander, oberhessischer Dialekt neben Amtsjargon, Baustellenfachsprache und die Frage nach der Familie – all das schafft die Basis für ein reibungsloses Miteinander. Die ständige Kommunikation untereinander ist die Voraussetzung dafür, dass am Bau alle Rädchen ineinander greifen. Daneben sichert diese Kommunikation den Erhalt der Firma über neue Aufträge und das Absichern des Ziels, nämlich des eigentlichen Bauauftrages. Dieses „Es“ darf nicht aus den Augen verloren werden. Alle Beteiligten müssen nicht nur ins Boot geholt werden, sondern deren Informationen müssen ständig untereinander im Fluss bleiben. Dazu muss das Gespräch leichtfallen, muss die Kommunikation möglichst hierarchielos wirken (auch wenn es diese natürlich gibt). Und über den Arbeitsalltag hinaus gibt es „Arbeitsessen“, Einladungen, um die Kontakte intensiver pflegen und die Beziehungsebene zu stabilisieren. In meinem Arbeitsumfeld „Schule“ wird darauf keinen Wert gelegt. Die Kommunikation erfolgt eher in eine Richtung (Lehrer*innen zu Schüler*innen, Schulleitung zu Lehrer*innen, Elternbriefe, Zeugnisse, Rundschreiben), eine Kultivierung der Beziehungsebene findet nicht statt.

IMG_0073
Kirchturmsanierung

Nächste Station: R.-R., Sanierung eines Kirchturms. Das Gerüst muss aufgebaut werden. Termine stehen und fallen mit einer exakten Bauplanung. Als Hubertus die Kosten für die Sanierungsmaßnahme aufzählt, wird mir schwindelig. Auch das muss überblickt werden. Als Lehrer habe ich mit dem Finanziellen des Schullebens nichts zu tun.
13.45h: Mittagspause: Wir fahren zu Hubertus’ Heim. Er legt Wert darauf, mittags daheim sein zu können. Sein Frau kocht großartig. Zur Ruhe kommen. Um die Familie kümmern. Dem Tag einen sicheren Ablauf geben.
In der Schule dagegen ist die Mittagspause eine gehetzte Pause mehr im Schultag.
14.15h: Der Nachmittag findet auf einer schwierigen Baustelle statt. Das Dreigiebelhaus in N. Eine aufwändige Sanierung. Und nicht immer klappt alles so, wie geplant oder gewünscht.

Foto(9)
Dreigiebelhaus

Als ich um 17.00 Uhr nach Hause komme fühle ich mich übervoll an Eindrücken.
Selten ist mir bewusst geworden, wie spezialisiert die moderne Arbeitswelt ist, wie sehr arbeitsteilig, aber auch, wie hochgradig wichtig die Kommunikation ist.
Und dass der Erhalt des Alten nicht immer sinnvoll ist, und dennoch wünschenswert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s