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Klotzarchitektur

Ein Kommentar zum letzten Beitrag forderte mich auf, mehr über Konkrete Poesie zu bringen. Ich nehme das als Aufgabe sehr gern an, dieses Mal geht es aber noch einmal über Konkrete Kunst. Und zwar in Marburg .
(Als Entschädigung gibt’s für den Kulturhecht ein Bild vom Schloss Belvedere.)

Herrmann
Curt Herrman, Park von Schloss Belvedere in Weimar, um 1909

Die Universitätsstadt an der Lahn gibt sich seit einigen Jahren ein neues Gesicht. Dazu gehört auch ein Campus auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei und des Botanischen Gartens im Stadtzentrum. Der Neubau der Universitätsbibliothek wirkt auf diesem Sumpfgelände gestrandet wie einst die Arche Noah auf dem Berg Ararat. Während anderen Ortes Architekten werkeln, die ihre ästhetische Ausbildung bereits in der Kindheit mit Legosteinen abgeschlossen haben, obliegt die Gestaltung der Marburger Innenstadt der Schule der Kotzarchitektur:

Vacossin
Marie Thérèse Vacossin, OGONG A b 5

Man nehme einen großen Styroporwürfel oder –quader und zeichne auf ihn ein paar Fenster und Türen, und schon ist das Baumodell fertig. Und jetzt kommt der Clou: Das „Gebäude im Gebäude“. Dadurch entsteht eine Passage (Hotelkomplex am Biegeneck) oder ein Foyer (Kinokomplex) oder ein Atrium (Universitätsbibliothek).
Bei einer Universitätsbibliothek könnte man sich denken, dass sie ein Ort der Kommunikation sein soll – im Atrium findet man lediglich flächige Wegweiser für die Publikumsströme. Die Student*innen sitzen ziemlich unbequem auf den Absätzen der Betonwände. Kommunikationsmöglichkeiten? Fehlanzeige! Dafür jede Menge umbauter Raum ohne Funktion. Im Gegenteil: Das im Keller liegende Zeitungsarchiv stand schon bald nach der Fertigstellung unter Wasser. Angeblich ohne Schäden. Da das Wasser die Luftfeuchtigkeit zwangsläufig erhöht hat, eine Bibliothek aber naturgemäß sehr viel trockenes Papier beherbergt, ist das kaum glaubhaft. Keine Form, keine Funktion – da haben einige wohl 100 Jahre Bauhaus falsch verstanden.
An den Kinokomplex angelehnt, auf dem Gelände des ehemaligen Luisa-Bades, steht der großzügig angelegte Ausstellungsraum des Marburger Kunstvereins. In diesem Frühjahr zeigt sich dort Konkrete Kunst aus der Schweiz, genauer gesagt aus dem Basler Atelier Editions FANAL.
Ein paar Schritte weiter gibt es Löbliches zu vermelden: Die gelungene Renovierung des Kunst- und Kulturmuseums der Philipps-Universität, erbaut von Hubert Lütcke (1887-1963). Die Sammlung mit Werken aus allen Epochen neben regionaler Kunst weist auch eine Glyptothek auf, in der ich als Student einige Sonntagvormittage verbrachte.
Die Art-Deco Fassade zeigt Ornamente, die sich als Reliefs im Inneren wiederholen. Lahn-Marmor und der Handlauf aus Messing zieren einen sehenswerten Treppenaufgang. Leider, leider, leider fällt der nach oben gerichtete Blick auf eine pottenhässliche moderne Feuerschutztür…Cafe
Zum Schluss wie gewohnt ein kulinarischer Tipp: Das Café d’Anouk in der Barfüßergasse.

 

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Hünfeld / Rhön / Osthessen

Sie weiss 2Wer zufällig oder (wie wir) geplant in die Konrad-Zuse-Stadt einfährt, wundert sich zuerst über die Inschriften an den Häuserwänden.
Heute geht es aber nicht um den Erfinder des modernen Rechners, der hier die Schaffenszeit seines Lebens verbrachte.
M. und ich suchen das ehemalige Gaswerk, das heute das Museum Modern Art Gaswerkbeherbergt. Das Museum geht auf die Initiative von Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowski (1930 -2015) zurück und stellt heute seine Privatsammlung aus. Sein Projekt Das offene Buch sorgte dafür, dass Texte der Konkreten Poesie auf über 120 Wände in der Stadt gelangten. Wer die Menschen aus dieser hessischen Region kennt, weiß, welch überzeugendes Talent der Künstler dafür gehabt haben muss.
Das Gaswerk entpuppt sich als großzügiges Gelände mit ausreichend Raum für Kunst und Ausstellungen. Leider nutzt die Stadtverwaltung zur Zeit das meiste, weil das Rathaus umgebaut wird. Der zentrale Bau bietet aber eine besuchenswerte Hängung moderner Kunst, überwiegend Opt-Art und konstruktive / konkrete Gemälde.
Gaswerk 2Uns empfängt Günter Liebau, der im nahen Burghaun noch eine eigene Galerie betreibt, hier aber das Museum Modern Art kuratiert. Fürsorglich erklärt er uns die Entstehung des Museums und führt uns in der Sammlung herum. Als Künstler gelingt es ihm, uns die Technik und Wirkung der konstruktiven / konkreten Kunst nahezubringen.
Im Umfeld des Gaswerks und im Stadtgebiet kann der Besucher auch Blum-Kwiatkowskis Skulpturen entdecken. Für eine Kleinstadt wie Hünfeld finden wir das künstlerische

Quadrat
Wer erkennt das Quadrat?

 

Engagement außergewöhnlich. Und man kann nur hoffen, dass das Gaswerk genügend Unterstützung findet, damit ihm nicht die Luft ausgeht. Wer nach der Kunst was Süßes braucht: das Café Am Goldrain backt lekkere Kuchen…

 

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Liebesgrüße aus Wiesbaden

Wenn Onkel Bo in einer klapprigen über 100 Jahre alten Bahn sitzt,
eine Schulklasse samt Lehrerinnen auf den Holzbänken Platz nimmt und russisch spricht,
er anschließend in einer orthodoxen Kirche von Weihrauch eingehüllt wird,
ein „roter Waggon“ die Geschichte der Sowjetunion verbildlicht
und der Hausherr im Schloss die russisch anmutenden Einlegearbeiten eines Salontisches bewundert – dann befindet er sich inNerobergbahn
Wiesbaden.

Mit H. als Reisegefährten steige ich in die Nerobergbahn. Seit 1888 zuckelt der Wagen allein durch die Schwerkraft angetrieben hinauf zum Hausberg der Wiesbadener. Wenn sie oben ihre Fahrgäste ausgespuckt hat, wird ein Ballasttank mit Wasser gefüllt, dessen Gewicht den Wagen nach unten drückt und einen zweiten Wagen (über eine Umlenkrolle durch ein Stahlseil verbunden) nach oben zieht. Ganz ohne Feinstaubbelastung…
Wir werden von einer russischen Schulklasse auf Besuch im nassauischen Hessen begleitet. Die Mädchen und Jungen können aber kaum die Begeisterung ihrer Lehrerinnen teilen und vergraben ihre Gesichter in ihre Smartphones.
Der Regen hat inzwischen nachgelassen, ein Trampelpfad führt uns zur russisch-orthodoxen Kirche. Dort findet gerade ein Trauergottesdienst statt. H. und ich überbrücken die Zeit im Wagner, einem Restaurant am Opelbad. Hier lässt es sich nicht nur gut essen und trinken, der Blick über Wiesbaden ist selbst bei mäßigem Wetter großartig.
Selfie mt HagenZurück zur Kirche, Mitte des 19. Jahrhunderts von Philipp Hofmann im Auftrag von Herzog Adolf von Nassau erbaut. Geweiht ist sie der Heiligen Elisabeth, weil auch dessen Gemahlin so hieß: Jelisaweta Michailowna, Großfürstin von Russland und Herzogin von Nassau. Die jüngere Schwester von Zar Alexander (ja, der Bezwinger von Napoleon) war zuvor mit 18 Jahren im Kindbett gestorben.
Die Grabeskirche zeigt den Sarkophag der Herzogin, darauf liegt eine madonnenhafte Marmorskulptur. Die Grundfläche der Kirche ist eher der einer Kapelle, der umbaute Raum wirkt durch die Höhe und aufstrebenden Säulen aber viel größer. Ikonen schmücken die Umgebung des Altars. Ein beeindruckendes Gebäude.
Mit der Standseilbahn geht’s zurück ins Tal. Unsere nächste Station ist das Museum Wiesbaden. Nach erfolgreicher Renovierung bietet es umfangreichen Raum für sein Konzept von Kunst und Natur. Leider ist der erste Stock schon wieder gesperrt, dort wird eine Jugendstilausstellung vorbreitet (ab Juni 2019).

Rom
Wer will nicht dorthin?

Sakrale Kunst, die Alten Meister und Joseph Beuys bieten einen munteren Querschnitt durch die europäische Kunstgeschichte. Hier steht auch der Rote Waggon, eine Installation von Ilya Kabakov zur Sowjetgeschichte.
H. und ich schlendern durch die parallel angelegten naturkundlichen Ausstellungen, die sich an den Themen „Farbe“, „Zeit“ und „Bewegung“ orientieren. Eine weitere Etage präsentiert Exponate zur „Eiszeit“ , bestimmt ein Magnet für die jüngeren Besucher*innen.
Um 17 Uhr schließt das Museum, und der Kaffeedurst lockt uns ins „Maldaner“, ein Muss für Wiesbadentouristen. Was das ist? Ein wiener Café mit Zeitmaschinencharakter…
Im strömenden Regen eilen wir zum Hessischen Landtag. Das Parlamentsgebäude schmiegt sich an das Stadtschloss, der Parlamentspräsident Boris Rhein ist daher auch Schlossherr.
Doch zuerst verfolgen wir die Parlamentssitzung von der Besuchertribüne. René Rock von den Freien Demokraten macht das Rumpelstilzchen. Nancy Faeser sitzt schon mal Probe auf TSG.s Platz. Lisa Gnadl versorgt ihr drittes Kind. Von oben können wir auf die Displays der Smartphones und Blackberrys der Abgeordneten sehen, die ihre Aufmerksamkeit der Welt da draußen widmen. Beuys
Nach der Sitzung lässt es sich Landtagspräsident Boris Rhein nicht nehmen, uns persönlich durch das Schloss zu führen. Mit seiner sympathischen und humorvollen Art und der Kenntnis von geheimen Gängen aller Art ein Erlebnis.
Einst das Hotel Rose, dann ein Bauprojekt von Jürgen Schneider, schließlich vom Land Hessen erworben: die Staatskanzlei. Die Geschichte und das Grundgesetz haben unserem Land eine föderative Struktur gegeben, also unser Land zu einer Bundesrepublik aus Einzelstaaten mit begrenzter Selbstverwaltung geformt. Ich finde es deshalb nur angemessen, wenn das Bundesland Hessen stilvoll repräsentiert wird. Die Staatskanzlei wirkt würdevoll und respektabel. Dicke schalldichte Türen, geschmackvolle Kunst, Räume zum Miteinanderreden und zum Besucher*innen Empfangen. Wir verlassen das Haus, als gerade eine äthiopische Delegation erscheint.
Der Tag war erlebnis- und eindrucksvoll und hat uns hungrig gemacht. Der krönende Abschluss ist ein Dinner im Lambertus, dem Restaurant im Kurhaus. Sehr empfehlenswert!

 

 

 

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Davor, jetzt, danach – Theaterhaus Ensemble eröffnet 24. KUSS Theaterfestival

Mit einem fulminanten Bühnenfeuerwerk geben 4 Schauspieler*innen des Frankfurter Theaterhauses den Startschuss für die Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche KUSS in Marburg. Zum vierundzwanzigsten Mal heißt es „Theater sehen! Theater spielen!“
Eine Woche lang zeigen Theatergruppen aus Deutschland und Europa Stücke für Kinder und Jugendliche.
Meine Generation ist mit dem GRIPS-Theater großgeworden. Das Berliner Ensemble brachte Themen auf die Bühne, die Jugendliche interessierten: erste Liebe, Drogen, Pubertät… Immer mit einem gewissen pädagogischen Anspruch.
Genau wie das amerikanische Puppentheater von Jim Henson, das in der „Sesamstraße“ Vorschulbildung vermitteln sollte. Im Deutsche Fernsehen waren es Peter Lustig, Armin Maiwald, Klaus Havenstein – die „Kinderstunde“ war gespickt mit „pädagogisch wertvollen“ Sendungen.
„Runter auf Null“ (vom norwegische Autor Kristofer Groenskag) verzichtet auf den pädagogischen Zeigefinger und spielt Jugendliche, die in einer Welt zurechtkommen müssen, die nicht nur für uns Erwachsene kalt und fremd erscheint. Mobbing, Stalking, Influencing… Die Welt der Heranwachsenden präsentiert sich auffallend oft in Fremdwörtern.
Mit Texten, die erstaunlich echt wirken, und starken schauspielerischen Auftritten erlebt das Publikum aber auch Jugendliche, die eine Lebenszeit durchmachen, wie sie jede Generation erlebt: Mit hohen Erwartungen und Träumen, persönlicher Unsicherheit und starkem Gruppengefühl, Niederlagen und emotionalen Achterbahnfahrten.
Und ein Feuerwerk gibt’s auch…

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Weniger ist mehr…

Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß, Sie warten schon längst auf meinen Review der Tizian-Schau im Städel.
Vorweg: Passend zur Fastenzeit zeigt das Frankfurter Städel eine Ausstellung, die sich auf die Präsentation von Gemälden (einigen Skulpturen und Zeichnungen) beschränkt. Wenn weniger mehr ist, dann ist die Schau gelungen. Ich hatte mir etwas mehr Tizian erhofft.

Duftkapsel
Duftkapsel einer viel zu jungen Braut in spe

Die/die bildungsbeflissene Frankfurter Bürger*in kann nun in Wohnzimmernähe echte Gemälde der venezianischen Hochkultur anschauen. Da ich mit meinem Freund E. in der Mittagszeit komme, treffe ich vor allem auf Menschen, die den kulturellen Bildungseifer in den vierten Lebensabschnitt gelegt haben. Für Schulklassen ist es wohl schon zu spät.
Das Städel zeigt eine klassische Hängung mit den für dieses Haus üblichen Begleittexten an der Wand. Die Kuratierung präsentiert sich auf einem hohen kunsthistorischen Niveau. Kaum ein Bilddetail wird nicht in seiner Genese und seinen kunsthistorischen Bezügen erklärt. Das Ganze strahlt dann den Charme einer Dissertation aus, die nach langen Jahren endlich zum Abschluss gekommen ist.
Ein weiterer Usus des Städels ist, dass die Wände zur Schau passend einfarbig bemalt

Kaninchen
Oh, wie süß, ein Kaninchen…

werden. Das dunkle lila macht mich jedoch depressiv. Die Ausleuchtung legt Spots auf die Bilder und sorgt damit für unschöne Reflexionen. Da habe ich schon technisch Anspruchsvolleres gesehen. Gesehen hätte ich auch gerne mehr Werke von Tizian selbst; der Titel der Ausstellung hätte mich vorwarnen sollen: Tizian und die Renaissance in Venedig.
Über den Maler selbst erfährt man wenig. Noch weniger über seine Technik. Andere Museen lassen mehr Einsicht in Leben und Arbeit der Künstler nehmen. Gegenüber zum Beispiel dem

Farbkasten
Farbkasten, Renaissance

Van-Gogh-Museum in Amsterdam wirkt die Hängung im Städel doch sehr hausbacken. So bleibt allein der nicht zu unterschätzende Gewinn, dass man/frau hier vor Ort diese bedeutenden Werke sehen kann.
Einen würdigen Abschluss dieses Kunsterlebens fanden E. und ich auf der Weinterrasse der Kleinmarkthalle.

Grauburgunder
Grauburgunder