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Weniger ist mehr…

Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß, Sie warten schon längst auf meinen Review der Tizian-Schau im Städel.
Vorweg: Passend zur Fastenzeit zeigt das Frankfurter Städel eine Ausstellung, die sich auf die Präsentation von Gemälden (einigen Skulpturen und Zeichnungen) beschränkt. Wenn weniger mehr ist, dann ist die Schau gelungen. Ich hatte mir etwas mehr Tizian erhofft.

Duftkapsel
Duftkapsel einer viel zu jungen Braut in spe

Die/die bildungsbeflissene Frankfurter Bürger*in kann nun in Wohnzimmernähe echte Gemälde der venezianischen Hochkultur anschauen. Da ich mit meinem Freund E. in der Mittagszeit komme, treffe ich vor allem auf Menschen, die den kulturellen Bildungseifer in den vierten Lebensabschnitt gelegt haben. Für Schulklassen ist es wohl schon zu spät.
Das Städel zeigt eine klassische Hängung mit den für dieses Haus üblichen Begleittexten an der Wand. Die Kuratierung präsentiert sich auf einem hohen kunsthistorischen Niveau. Kaum ein Bilddetail wird nicht in seiner Genese und seinen kunsthistorischen Bezügen erklärt. Das Ganze strahlt dann den Charme einer Dissertation aus, die nach langen Jahren endlich zum Abschluss gekommen ist.
Ein weiterer Usus des Städels ist, dass die Wände zur Schau passend einfarbig bemalt

Kaninchen
Oh, wie süß, ein Kaninchen…

werden. Das dunkle lila macht mich jedoch depressiv. Die Ausleuchtung legt Spots auf die Bilder und sorgt damit für unschöne Reflexionen. Da habe ich schon technisch Anspruchsvolleres gesehen. Gesehen hätte ich auch gerne mehr Werke von Tizian selbst; der Titel der Ausstellung hätte mich vorwarnen sollen: Tizian und die Renaissance in Venedig.
Über den Maler selbst erfährt man wenig. Noch weniger über seine Technik. Andere Museen lassen mehr Einsicht in Leben und Arbeit der Künstler nehmen. Gegenüber zum Beispiel dem

Farbkasten
Farbkasten, Renaissance

Van-Gogh-Museum in Amsterdam wirkt die Hängung im Städel doch sehr hausbacken. So bleibt allein der nicht zu unterschätzende Gewinn, dass man/frau hier vor Ort diese bedeutenden Werke sehen kann.
Einen würdigen Abschluss dieses Kunsterlebens fanden E. und ich auf der Weinterrasse der Kleinmarkthalle.

Grauburgunder
Grauburgunder

 

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Die Frühlingssonne lockt mich raus…

in die City. Die Regionalbahn bringt mich zuckelnd nach Gießen. An einem solchen Frühlingstag erhellen sich sogar die Gesichtszüge der Schlammbeißer (für Nichthessen: so der Eigenname der gießener autochthonen Bevölkerung) hin zur Leichtigkeit, und zu den südlichen Temperaturen passen sogar die Menschen auf dem Seltersweg.
büchnersEin Imbiss namens „büchners“? Ach ja, in diesem Haus wohnte Georg Büchner während seiner Studienzeit.
Ich lasse mich durch die Stadt treiben, versuche mein erstes Eis in diesem Jahr („Mandel“ im Vecchia Citta – wenig empfehlenswerte Industriepampe), kaufe Mohnkuchen im Siebenkorn (teuer, aber lekker) und schlendere zum Oberhessischen Museum. Ein Veranstaltungshinweis des hr2 hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Sonderausstellung Kunst und Leben Werke aus der Dr. Hans Bock Gedächtnis-Stiftung (1915) und Gustav Bock-Stiftung (1917) zeigt. Im Wesentlichen stammen die Gemälde und Zeichnungen aus dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert.

Gorch Fock
Die Gorch Fock lag auch früher schon mal auf Reede. (Nikolaus Störtenbecker, 1999)

1917 hatte der Zigarrenfabrikant Gustav Bock (1857–1938) seine Privatsammlung der Stadt Gießen gestiftete, die zweite Stiftung trägt den Namen seines im Krieg gefallenen Sohnes.
Wenn ich schon mal da bin, schaue ich mir auch die Dauerausstellung an. Ja, ich weiß, die hätte ich mir ja schon längst mal ansehen können. Aber besser spät als gar nicht. Was gibt’s dort Besonderes? Erfreulich wenig naive „Heimatkunst“, dafür sehr viel Modernes.

Leipzig
Annette Schröter: Leipzig nachts X, (1998)

Ich stoße auf Arbeiten der Gruppe 49, die nach dem 2.Weltkrieg an die abstrakte Technik der Vornazizeit anknüpfen. Der Eintritt ist frei – ein Besuch, wenn man/frau schon mal in Gießen weilt, lohnenswert.
Über die Lahnbrücke schlendere ich auf einen Kaffee zu meinem Freund M. Von dem Balkon seiner Wohnung hat man einen außergewöhnlich schönen Blick auf die Lahn am Bootshaus und die prosperierende Weststadt.

Für die Rückfahrt kaufe ich noch ein Buch:
Nariman Hammouti-Reinke: Ich diene Deutschland. Eine weitere positive Überraschung des Tages.

Die untergehende Sonne bricht sich in der Spülung am Elefantenklo, ein Tropfenvorhang an einem umstrittenen Wahrzeichen der Stadt…

Skulptur 2
Ruth Leibnitz, Kain und Abel (1972)
Skulptur 1
Ruth Leibnitz, Hiob (1992)

 

 

 

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Diese Mauer…

Am Ende fällt die Mauer in sich zusammen. Aber wir wissen, dass wieder ein Präsident kommen wird, um irgendwann und irgendwo eine neue Mauer aufzubauen. Das zeigt die Geschichte. Geschichte? In diesem Stück ist alles Vergangene nur ein Museum ohne Besucher. Nichts, woraus sich etwas lernen lassen könnte. Wissen ist letztlich ein ekelhafter Speichel.
Auch drei Held*innen tappen in einer Inszenierung des Hessischen Landestheaters in Marburg über die Bühne. „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt.“, ist der etwas umständliche Titel des Stückes der österreichischen Autorin Miroslava Svolikova.
In einer klassischen Tragödie kann der Protagonist nie der Vorsehung entfliehen, sein Schicksal zieht ihn wie an Fäden. Die drei Held*innen hier wirken dagegen wie Marionetten, deren Fäden abgeschnitten wurden. Ohne Ziel. Ohne Orientierung. Immer wieder torkeln sie im Kreise oder werfen sich in die nächste Instagram-Pose. Durch das Museum der „Onion“ führt sie ein Hologramm, das Unsinn brabbelt. Weder seine Erklärungen noch die Exponate ergeben einen Sinn.
Da es keine Welt mehr zum Verstehen gibt, macht es auch nichts, dass die drei Held*innen gar nichts begreifen könnten.
Ihr größtes Ziel ist sowieso der Sieg in einer Ausschreibung – so wie in einer der heutigen Gaga Casting Shows. Dabei ist ein Stern in diesem Stück zum Greifen nah. Nur ist der so einsam und hilflos, dass man nicht mit ihm tauschen möchte.
Ich kann nur empfehlen, sich dieses Aufführung mit den engagierten jungen Schauspieler*innen anzuschauen. Denn im TaSch in Marburg zeigt sich die Zukunft des Theaters. Energie und Leben hier, wo anderen Ortes erstarrte Bürgerbühne ist. Diese Mauer sollte man/frau nicht verpassen…

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Letzte Chance für Löwen

Wir sehen die Realität nicht so, wie sie ist, sondern wie sie uns Künstler*innen zeigen.

Bevor die Schau „König der Tiere“ beendet wird, haben mein Freund H. und ich die

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Helmut Middendorf: Großstadt-Eingeborene (Ausschnitt)

Schirn aufgesucht. Wilhelm Kuhnerts großdimensionierte Gemälde haben das Afrikabild der Deutschen von der Kaiserzeit bis heute geprägt. Kuhnert inszeniert den König der Tierwelt in großen Posen: als Herrscher, der über die Savanne blickt, oder als treusorgenden Familienvater mit Weib und Kind. Der reale Löwe als Rudeltier und schläfrige Großkatze erschien Kuhnert zu langweilig. In seinen Porträts erlebt der Löwe eine künstlerische Überhöhung, wie wir sie von Monarchen zum Beispiel in den Abbildungen von Ludwig XIV. oder Napoleon kennen. Um aber den Löwen in gefährliche Nähe zu kommen, suchte der Maler dann doch lieber den Berliner Zoo auf. Kuhnert hält die Umgebung in impressionistischen Strichen fest, nur Fell und besonders die „Gesichtszüge“ seiner Majestäten gibt er in realistischer Genauigkeit wieder.

 

eisbär
Constant: J’ai visité les ous blancs (Ich habe die Eisbären besucht. Ausschnitt)

Die zweite Ausstellung im Haus widmet sich der „Wildnis“ in der künstlerischen Darstellung. Die Gemälde, Fotografien, Videoinstallationen und Skulpturen zeigen anschaulich das Bild des modernen Menschen von jenen Welten, die ohne ihn auskommen: Dschungel, Gebirge, Eiswelten… Oft romantisiert, immer ein Gegenpol zu unserer Zivilisation. Auch in dieser Ausstellung wird deutlich, dass unser Blick auf die Natur von Künstler*innen auch nach der Romantik nachhaltig geprägt ist. Die „Wildnis“ ist zu der großen Projektionsfläche geworden, in die wir alles hineinlesen können, was wir in der „Menschenwelt“ vermissen.

Kultur macht hungrig und durstig. Wer die Patisserie IIMORI noch nicht kennt, sollte sich beim nächsten Frankfurtbesuch einfach dort eine Auszeit gönnen. Der Spaziergang dorthin führte uns durch die neue Altstadt. (Deren Fan ich bin.)cafe

 

Leider reichte die Zeit nur für einen kurzen Abstecher ins Historische Museum, es schloss um 18.00 Uhr. Frankfurt erstrahlte von der Eisernen Brücke aus gesehen als Stadt der Lichter. Etwas länger hielten wir es beim Wagner aus…

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Wo Halt finden, in diesen Zeiten? Cady Noland im MMK, Frankfurt

Wie kann man*frau in einer Gesellschaft leben, die den Menschen nicht achtet und Gewalt, Zerstörung und Hass verehrt? Wie verhält man sich in einem Land, das sich von Demokratie und Menschrechten entfernt und hin zu Diktatur und Willkür abgleitet? Wie lässt sich noch ein klarer Gedanke fassen, ein Buch schreiben oder ein Bild malen, wenn die Zahl der Menschen, die in den Straßen wuterfüllt schreien, größer wird als die Zahl derer, die vor Schmerz und Scham verstummen?
Cady Noland sucht Halt in einer Welt, die sie als menschenverachtend verurteilt. Ihre Skulpturen und Installationen sind stationär. Wortwörtlich mit dem Boden verschraubt: Haltestangen, Pranger, Podeste, Gerüste. Sie zeigt keine Entwicklungen, sondern immer den Status Quo der amerikanischen Gesellschaft: Die Neigung zur Gewalt, die img_1224 2Vergötterung der Sporthelden, den alltäglichen Rassismus, den Fetisch Auto. Ein Status Quo, der sich nicht noch ausweiten darf. Bis hierhin – und nicht weiter! , wollen die Ausstellungsstücke sagen. Und die Reliquien der modernen Welt klammert, verschraubt und kettet Noland zusammen, so als wären sie die sprichwörtlichen Dämonen. Sie zeigt uns ein bedrückendes Bild ihres Landes im letzten Jahrhundert. Seitdem hatten die USA die Chance, diese Bedrückung zu überwinden. Mit Trump kehrt das Land zurück auf eine steile Abfahrt in die Inhumanität.
img_1663 3Die weißen, kalten Wände des MMK geben den Skulpturen Cady Nolands den perfekten neutralen Hintergrund. Die sakralbauähnliche Innenstruktur lässt ihnen den nötigen Raum, um ihre beklemmende Wirkung zu entfalten. Trump nimmt das Wort Hexenjagd gerne in den Mund, wenn er sich selbst angegriffen fühlt. Einem sensibleren Menschen läuft beim Anblick von Nolands Prangern und Galgen ein eiskalter Schauer über den Rücken.