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VonderHeid? Von der Heid? Nein, Von der Heydt!


Wie bin ich froh, dass ich wieder da bin! Nach gut einem Jahr der Isolation führt mich mein erster kultureller Ausflug nach Wuppertal. Das Von der Heydt-Museum in der Innenstadt von Elberfeld erinnert an den wohl bekanntesten Sohn des heutigen Wuppertals, Friedrich Engels.
200 Jahre nach seiner Geburt präsentieren sich die Innenräume in strahlendem Weiß. Das Gebäude selbst ist das ehemalige Rathaus von Elberfeld.
Gemälde, Grafiken, Fotos und Skulpturen folgen einem Denkmuster, das von Engels und Marx geprägt wurde: In Folge der Industrialisierung entstand ein Proletariat, das von den Unternehmern ausgebeutet wurde.  Sogar die Rezension in der F.A.Z. (Idyll mit ungebetenen Gästen, von Hubert Spiegel, F.A.Z, vom 10.6.2021, S. 11) folgt diesem Denkmodell. Dass ebenso die Bauernbefreiung und die Auflösung der Gesindezwänge – und damit die Beendigung der Bindung einer Eheerlaubnis an ein Vermögen – dazu führten, dass sich die Bevölkerung wie die sprichwörtlichen Kaninchen vermehrte, ist kaum den Kräften des Marktes anzulasten.
Unternehmer waren vor 200 Jahren genauso skrupellos oder human wie heute – nur dass die modernen Gesellschaften soziale Härten über staatliche Maßnahmen auffangen. Die Superreichen heute kaufen sich Fußballmannschaften und Luxusyachten – im 19. Jahrhundert bauten sie palastähnliche Anwesen, legten Parks an oder förderten die Künste, so wie die von der Heydts. Nur weil die westlichen Länder ihre Produktionsstätten nach Asien und Nordafrika verlegt haben, bekommen sie nichts mehr davon mit, dass ein Bevölkerungs-„Überschuss“ eben zu einem Angebotsdruck auf die Löhne führt.Nun denn, die Caféhaus-Marxisten feiern in diesen Tagen fröhliche Urstände. Und es ist immer gut, wenn man einen Sündenbock hat.

Zurück zur Kunst: Besonders die Graphiken von Käthe Kollwitz beeindrucken mich. Den Zyklus Bauernkrieg kannte ich bisher nicht. Wie sie die Not und das Elend der Menschen in den Gesichtern und der Gestik einfängt, wie bei ihr aus Menschenmengen Bewegungen im Bild entstehen und wie die Menschen eine stumme Anklage an den/die Betrachter*in richten wirkt zeitlos.
Georg Schulz’ Industriebauern präsentieren eindrücklich die Malaise der gegenwärtigen Landwirtschaft. Dem Bauernsohn fehlt eigentlich nur die rote Baseballkappe mit „Bayer“-Aufdruck.
Um den Bericht zu komplettieren, findet der/die Besucher*in Unternehmerporträts, Gemälde von Fabrikschloten und Fotos der Industriewelt. Die vereinzelten Skulpturen zeigen idealtypische „Malocher“. Für Rundgänge mit Schulklassen optimal geeignet, auch weil sehr viel Platz dazwischen liegt.

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Von Macht, Getriebenen und Kellerasseln

Allerorts erwachen Kneipen, Cafés und Museen aus dem Winterschlaf der Corona-Pandemie. Zarte Triebe und Blüten des kulturellen Betriebes entfalten sich und künden von einer neuen Normalität.
Die vergangenen Wochen der Abgeschiedenheit habe ich mit zwei Büchern verbracht, die ich hier vorstellen möchte.
Hilary Mantel: Spiegel und Licht. (DuMont Buchverlag, Köln: 2020))
In den beiden Vorgängerromanen „Wölfe“ und „Falken“ sind die zentralen Themen Politik und Macht in der Tudorzeit. Wir Leser*innen verfolgten den unwahrscheinlichen Aufstieg von Thomas Cromwell und erlebten den Aufbruch der mittelalterlichen feudalen Gesellschaft in die frühmoderne Zivilisation. Auch in „Licht und Spiegel“ bleibt uns Cromwell als Protagonist erhalten. Der 3. Band erzählt seine wirkungsvollsten Lebensjahre, in denen er den englischen Staat in die Neuzeit holt. Das Werkzeug dafür ist die Vernunft. Cromwell lernt das Knowhow dafür in Italien kennen. Er führt die doppelte Buchführung ein und sorgt somit dafür, dass die Staatsfinanzen nicht nur konsolidiert, sondern verbessert werden. Jegliche Kommunikation am Hofe und in seiner Kanzlei wird verschriftlicht, in Verträge oder Protokolle gepackt und archiviert. Die Politik folgt nicht mehr (allein) den individuellen Emotionen, sondern stützt sich auf ein Netz von Informationsbeschaffern. Das Wohl des Königs, Heinrichs VIII., ist zwar Staatsräson, die gesamte englische Gesellschaft blüht aber in Folge dessen auf. Auch weil Cromwell Kriege vermeidet.
Wer will, kann in diesem Roman die Blaupause für den märchenhaften Aufstieg der Pfarrerstochter aus der Uckermark lesen. Wie Angela Merkel gegen alle Wahrscheinlichkeit Parteivorsitzende und Kanzlerin wurde, die Parteispendenaffäre und Altkanzler Kohl abwickelte, die Konkurrenten der Anden-Connection ausstach und die Krisen ihrer Amtszeit bewältigte, hat erstaunliche Parallelen in der Romanfigur Thomas Cromwell. Vielleicht hilft die Erzählung Hilary Mantels, Merkel in einem anderen, besseren Licht zu sehen. Genauso wie die erstaunliche gute filmische Inszenierung des politischen Betriebes in „Die Getriebenen“ (Regie: Stephan Wagner, Deutschland 2020), die nicht nur an die großartige Tradition des deutschen Fernsehspiels anknüpft, sondern veranschaulicht, wie schwierig Politik in einer unüberschaubaren und komplexen Welt ist. Zu Zeiten Cromwells war die Welt vielleicht etwas überschaubarer, der Roman reduziert diese zumindest auf etwas mehr als 1000 Seiten, dennoch werden die Hilfslinien und Möglichkeiten von Politik, wie sie uns noch heute vorkommt, deutlich. Wenn Thomas Cromwell eine – wie heute üblich – demokratisch bestimmte endliche Amtszeit gehabt hätte, wäre ihm der Richtblock (vielleicht) erspart geblieben.
Den Parallelen von Literatur und Realität bleibe ich treu mit Lutz Seilers „Stern 111“. (Suhrkamp Verlag, Berlin: 2020)
Der Autor schickt sein Alter Ego Carl Bischoff in das Berlin der Jahre 1989 bis 1992. In den runtergekommenen Altbauten des Prenzlauer Berges kann Carl Bischoff seine handwerklichen Fähigkeiten als Maurer anwenden. Mit ihm erleben wir eine anarchische Zeit, in der Lebensmuster und Rollenverhalten ausprobiert werden, eine Art Untergrundcafé gegründet wird und unser Held nicht nur Gedichte schreibt, sondern auch ganz schön Stress mit seinen Gefühlen hat.
Carl ist nicht nur genauso alt wie ich. Während er im Wendejahr nach Berlin aufbricht, erlebe ich diese Zeit in Leipzig und Dresden. Toiletten auf halber Etagenhöhe, frei stehende Duschkabinen, Matratzenlager, Wasserschäden in den Wänden und Zimmerdecken, die des Nachts herunterstürzen, sind unsere gemeinsamen Wohnerlebnisse. Ein unheimlich schrankenloses Lebensgefühl zeigte sich in beinahe täglichen Feiern, Musik und Tanz, wilden Diskussionen und einem unbändigen Freiheitswillen.
Carl besucht seine ausgewanderten Eltern im kalifornischen Malibu, während ich unweit davon am Strand von Santa Monica spazieren gehe.
Und als ich erkennen muss, dass die neue Welt alles außer einem jungen Gymnasiallehrer aus dem Westen braucht, unterschreibt Carl einen gültigen Mietvertrag und wird bürgerlich. Lutz Seiler hebt mit seinem Roman einen Deckel, unter dem die Erinnerungen an diese Zeit hervorkrabbeln wie die Asseln, als Carl ein Kellergewölbe renoviert.
Mit 30 Jahren zeitlichen Abstandes liegt damit ein weiterer Roman vor, der das spannende Projekt der Wiedervereinigung widerspiegelt. Allerdings aus der Perspektive von Kellerräumen Ostberlins. Zu meiner Perspektive vielleicht an anderer Stelle mehr…

 

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Neues aus dem Neuland

Per se ist jede künstlerische Werkschau eine Retrospektive, wenn nicht der Entstehungsprozess selbst zur Schau gestellt wird. Digitale Kunst zeigt aber auf erschreckend deutliche Weise, dass technischer Fortschritt noch gestern Wegweisendes heute reichlich angestaubt aussehen lässt.
Das Sinclair Haus  in Bad Homburg zeigt Arbeiten digitaler Künstler, die dennoch durch ihre Idee überzeugen können. Anbetracht der technischen Möglichkeiten von Pixar oder Lucas wirken sie aber wie Gebilde aus längst vergangenen Zeiten. Digitale Welten 2
Die Ausstellung „Digitale Welten“ folgt dem Credo des Hauses, Kunst mit Umwelt bzw. Natur zusammenzubringen. Ein digital bearbeiteter Film der holländischen Künstler Driessens & Verstappen zeigt einen Weg in den von mir so geliebten Kennemerdünen in der Nähe von Zandvoort. Eelco Brand lässt ein Erdloch in einer Wiese „atmen“. Jennifer Steinkamp erschafft künstliche Pflanzen, die sich naturnah bewegen. Miguel Chevalier gibt dem Besucher die Möglichkeit, über Sensoren in Blumentöpfen eine digitale Pflanzenwelt wachsen zu lassen. Im Sinclair Haus kann man eine Ursprünglichkeit der Digitale Welten 1digitalen Kunst erfahren. Im Anspruch, Natur nachzuahmen, wird die sichtbare Welt auf geometrische Grundformen reduziert und dann mit Hilfe von Algorithmen „belebt“.
Letztlich bleibt dies aber Architektur. Die Qualität der Arbeiten lässt ahnen, warum Filmstudios Legionen von Digital Artists beschäftigen müssen, um ihre perfekten Bilderwelten zu erschaffen.
Die Schau dürfte aber für jugendliche „Kunsteinsteiger“ interessant sein. Mit einer App von Tamiko Thiel  können sie die Ausstellungsräume auf dem Display „fluten“, und das sogar in Interaktion mit anderen Digitale Welten 4Besuchern. Die Werke bieten zahlreiche Anstöße für eigenes Arbeiten und eigene digitale Experimente. Dazu gibt’s wie immer ein sehr schön gestaltetes Themenheft auss der „Blattwerke“-Reihe mit zalhlosen Impulsen und kreativen Vorschlägen.

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ja, doch…

Van Gogh!Van Gogh 2
Ich bekenne: ich liebe es, wenn Maler fett mit Farbe arbeiten. Je pastöser, desto besser. Wahrscheinlich ein unbewältigtes Kindheitstrauma.
Und genauso wie meine Landsleute liebe ich den Sonnenblumengelbmaler.
Und wenn schon in meiner Heimat eine solche Mega-Ausstellung wie „MAKING VAN GOGH“ gezeigt wird, muss ich wohl hin.
Auch wenn die Besucher sich dicht aneinandergereiht durch die Räume schlängeln werden. (So schlimm war’s dann doch nicht!)
Überhaupt: Dadurch, dass das Städel sein Untergeschoss, die Gartenhallen, für die Schau ausgeräumt hatte, gab es genügend Platz. Und Licht. Und Luft.Van Gogh 6
Wahrscheinlich gibt es weltweit nur wenige Gemäldesamlungen, die eine solche Ausstellung stemmen können. Hohe Trennwände teilen den Riesenraum in drei übersichtliche Hängungen, die Werk, Technik und Wirkung des Malers demonstrieren. Ausgezeichnet gefällt mir die Beleuchtung der Bilder in abgedunkelten Gängen. Das gelingt nicht jedem so.
Das Selbstporträt leuchtet fast schon neonfarben aus sich heraus. Die Farbkontraste seiner Bilder kommen wunderbar zur Geltung.
Mega-Event? Auf jeden Fall megalohnenswert!

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Erfrischend – Wiesbaden revisited

Wenn schon an einem Novembersamstag die Sonne ein kleines Stelldichein gibt, dann ist die hessische Landeshauptstadt allemal ein lohnendes Ausflugsziel.
Das Café Paldaner lockt mit österreichischem Charme. Leider kommen sowohl der Kaiserschmarren als auch der Palatschinken nicht an die Originale von der Donaurepublik heran. Kleiner Tipp an die Küche: Eischnee unterheben!
M. und ich sind eigentlich wegen zweier Ausstellungen im Stadtmuseum gekommen. Zum einen „Jetzt! – Junge Malerei in Deutschland“.Die Ausstellungsräume öffnen jungen Maler*innen Platz und Licht für (vorwiegend) ihre Gemälde. Die Künstler*innen spiegeln die verschiedenen Stilrichtungen des letzten Jahrhunderts wider und zeigen eine gekonnte Leichtigkeit – Einfach erfrischend!

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Lydia Balke: X (2018)

Zwei möchte ich hervorheben:
Lydia Balke arbeitet mit Öl auf Nessel und spielt mit Photorealismus und Urban-Sketching.
Gregor Gleiwitz verwendet ebenfalls Ölfarben. Bei seiner surrealistischen Konstruktion hält er sich doch erstaunlich an die Regeln abendländischer Malerei: dunkel liegt über hell, eine „Landschaft“ (hier durch die Farbgebung erkenntlich) scheint im Hintergrund durch, das Zentrum beherrscht ein gestaltetes Motiv, das an Regel oder Schachteln erinnert und somit Ordnungsprinzipien zitiert, Tiefe entsteht durch räumliche Schattierungen und Überlappungen.
Die Schau wird in Zusammenarbeit mit den Kunstsammlungen Chemnitz und dem Kunstmuseum Bonn durchgeführt.

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Gregor Gleiwitz: 12.07.2017 (2017)

Die Treppen nach oben führen in die zweite Ausstellung, die Jugendstil, Art Nouveau und Wiener Secession in nebeneinander zeigt. Ermöglicht wird dies durch die Schenkung F.W. Neess, einer etwa 500 Objekte umfassenden Sammlung: Gemälde, Skulpturen, Möbel, Ton- und Porzellanarbeiten, Schmuck. Wir sind einfach angetan von der schieren Schönheit der Leuchter, Vasen und Intarsien an Holzmöbeln. Leider sind einige Gemälde plump mit Strahlern angeleuchtet Die Maler*innen des Jugendstils legten sehr viel Wert auf die Eigenleuchtkraft ihrer Bilder, experimentierten mit Farben und Kontrasten. Das geht bei direkter Bestrahlung verloren. Schade!
Dennoch dürfte die Ausstellung für alle Jugendstilfans ein Muss sein. Wie man unschwer an den Gesprächen hören kann, locken jedenfalls die Arbeiten aus sächsischen und böhmischen Werkstätten der Jahrhundertwende auch Besucher aus unseren Nachbarländern an.Bild 4

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